Handys und Fellmützen

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11. Februar 2008, 07:20 Uhr

Jucu - Das alte Rumänien bleibt einstweilen draußen vor der Tür. An die zwanzig Leute haben sich vor dem Werkstor versammelt, die Frauen mit schwarzen Kopftüchern, die Männer mit Mützen aus Kaninchenfell. Gerne hätten sie mal gesehen, wie es da drinnen zugeht. „Aber sie haben uns nicht reingelassen“, erzählt Liviu Munteanu, ein 60-jähriger Mann aus Jucu. Dabei hat Liviu natürlich Anteil genommen am Werden des gleißenden Quaders, der sich in dem flachen, leeren Tal ausnimmt wie vom Himmel gefallen. Wie auch nicht? Sechs Bauarbeiter wohnen schon seit Monaten in seinem Haus, jeder zahlt ihm fünfzig Euro im Monat. Vielen gehört hier ein Stück Land. In guten Lagen werden statt bisher einem Euro pro Quadratmeter jetzt 40 oder 50 geboten.

Drinnen, im nagelneuen Nokia Village, geht es vor allem ziemlich hektisch zu. „Wir haben einen engen Zeitplan“, sagt die Dame von der PR-Agentur aus Bukarest immer wieder. Der Bau war im Nu fertig: Sieben Monate hat es gedauert. Heute redet keiner länger als sieben Minuten. Ganz besonders schnell geht es bei der Pressekonferenz. Wie viel die Leute hier verdienen? Der Mann aus Finnland ist ein Meister der kurzen Sätze. „Wir zahlen nach lokalen Standards“, sagt Vize-Konzernchef Juha Putkiranta. Und das wäre? „Persönliche Details geben wir nicht bekannt.“

Details sind heute tatsächlich nicht so wichtig. Nokia ist mit seiner neuen Fabrik in Jucu, gut zwanzig Kilometer von der Großstadt Cluj entfernt, nämlich der Eisbrecher für die ganze Region. „Wir werden hier jetzt Metropole“, sagt Daniel Don, der in Deutschland geschulte Chef des Arbeitsamts von Cluj, „bald haben wir eine Million Einwohner.“ Noch sind es gut 300 000. Die internationale Aufregung, die der Bau der Fabrik verursacht hat, trage zu dem Magnetismus noch bei. Die Japaner waren hier, Hitachi, Toshiba, sogar der Flugzeughersteller Lockheed. Und sogar von Mercedes wird geraunt, dass man angeblich die Produktion von Rastatt hierher verlagern will.

220 Euro brutto
Sogar Grigore Pop, der lokale Chef des Gewerkschaftsbunds Cartel Alfa, zehrt gern vom neuen Selbstbewusstsein der Stadt. Dass Nokia schon bald wieder weg sein könnte, wenn ein Arbeiter in zehn Jahren für unter tausend Euro nicht mehr zu haben ist, schreckt ihn nicht. „Die Kollegen in Bochum“, wo Nokia sein Werk schließen will, „hätten von vornherein Abfindungen vereinbaren müssen, Umschulungen und so – für den Fall, dass Nokia sein Schüppchen nimmt und den Sankkasten verlässt“, so Pop.

Wer hinter der Begeisterung die Skepsis sucht, muss nicht lange kratzen. Da sind zum einen die mageren Löhne: 220 Euro brutto kriegt ein Arbeiter am Band im Monat, verrät Daniel Don; das sind nur 60 Euro mehr als der gesetzliche Mindestlohn. Und Arbeitslose gibt es hier so gut wie nicht. Jeder dritte erwerbstätige Rumäne verdient sein Geld schon im Ausland. Für den Lohn, den Nokia zahlen will, wird keiner zurückkommen. Dass die Finnen trotzdem keine Probleme haben, Leute zu bekommen, erklärt Don mit den Aufstiegschancen. Bauarbeiter würden zu Nokia wechseln, an denen es schon jetzt mangelt. „Heimische Kleinbetriebe werden eingehen,sie haben in Arbeitskräfte nichts investiert.“ Nokia soll es besser machen. Gewerkschafter Pop findet das auch. Er will für die Nokia-Arbeiter im Durchschnitt 450 Euro.

Stark gestiegene Preise
„Die Finnen kennen Rumänien nicht“, sagt Attila Biro, Reporter der führenden Lokalzeitung. Sein Blatt verkauft sich mit Nokia-Skepsis ganz gut. „Wenn welche vom Bau kommen“, meint Biro, „dann weil sie sich Illusionen machen: Die denken, die Arbeit am Fließband ist leicht.“ Ist sie aber nicht, sagt der Journalist, der schon im Nokia-Werk im ungarischen Komarom war und sich gewundert hat über den Stress. Der geringe Verdienst geht für die stark gestiegenen Preise drauf.

Die Politik ist im Nokia Village reich vertreten. Der wichtigste Mann kriegt vom finnischen Konzernchef das erste hier gefertigte Handy überreicht: Marius Nicoara, Präfekt des Kreises Cluj. Er kann sich zu Recht auf die Fahnen schreiben, Nokia geholt zu haben. „Wir haben geheim verhandelt“, erzählt er. Alles, was man über den Deal weiß, weiß man von Nicoara. Wie viel der rumänische Staat zugeschossen hat – angeblich 33 Millionen für die Gas-, Wasser-, Stromleitung. Was aus EU-Geldern stammt – nur die paar Kilometer Autobahn nach Jucu. Was Nokia für das Land bezahlt – einen maßvollen Pachtzins von 1,50 bis zwei Euro pro Quadratmeter. Die lokale Politik, sagt Nicoara in seiner Ansprache, „hat jetzt eine große Verantwortung: nämlich Nokia zu halten.“ Neues Village und altes Rumänien vertragen sich gut. „Meine Brüder“ nennt der stolze, junge Fabrikdirektor aus Texas zum Dank die Politiker von Cluj in seiner Rede. „Und in drei Jahren“, fügt er bescheiden an, „gibt es vielleicht schon einen Golfplatz.“

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