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18. Oktober 2017 | 22:28 Uhr

Hamburger verschenken Computer

vom

svz.de von
erstellt am 05.Jun.2011 | 08:37 Uhr

Hamburg | Sie öffnen Hartz-IV-Empfängern das Tor zur Welt. Diese selbstbewussten Worte von Angelika und Horst Matzen kommen nicht von ungefähr. Denn immer dann, wenn Familien ihre Werkstatt in Hamburg-Jenfeld betreten und gerührt wieder verlassen, wird ihnen diese Tatsache aufs Neue bewusst.

Beide verschenken Computer an Bedürftige, obwohl sie selbst nicht mehr in der Tasche haben, als ihre "Kunden". Das Ehepaar bezieht Sozialleistungen. Seit zwei Jahren. Seitdem existiert auch ihr gemeinnütziger Verein "Computer Spende Hamburg e.V.", weil " wir nicht untätig rumsitzen wollten", sagt Horst Matzen. Mehr als 500 Bewerbungen blieben ohne Erfolg. "Uns will offenbar niemand mehr mit über 50.", schlussfolgert Angelika Matzen. Warum dann nicht aus der Not eine Tugend machen, dachten sich die Hamburger. Weil Horst gerne schraubt, ein PC von Hartz-IV-Empfängern gebraucht, aber nicht entsprechend gefördert wird, entstand die Idee der Computerspende.

"Ein Fernseher gehört zum Grundbedarf, ein PC nicht", sagt Horst. "Wie aber soll sich der Hartz-IV-Empfänger auf dem Arbeitsmarkt orientieren und seine Bewerbungen schreiben?" Vor allem aber würden die Kinder darunter leiden. "In der Schule setzt man Computer und Internet voraus." Um anderen zu helfen, verband Horst sein Hobby mit Nützlichem. "Gleichzeitig bin ich zufrieden, weil ich gebraucht werde."

PCs stapeln sich im Keller

Der graubärtige Tüftler mit dem langgezogenen Dialekt kommt mittlerweile kaum hinterher mit der Arbeit. PCs stapeln sich in Keller, Büro und Werkstatt. Ebenso Bildschirme und Plastikboxen mit buntem Kabelsalat, Anschlüssen und Adaptern. Horst mittendrin, an seinem Schreibtisch, der als Werkbank dient. Staub fliegt durch die Luft. Mit einem Pinsel dringt der Hamburger ins verdreckte Innenleben des Computers. "Einige Rechner muss ich mehr, andere weniger aufpäppeln", sagt er, blickt über seinen Brillenrand nach oben und pustet noch mal kräftig ins Gehäuse. Der Staubsauger fängt die aufgewirbelten Flusen ein.

Viele Geräte sind gerade mal drei Jahre alt - Spenden von Firmen, die ihre Bestände aussondern. Hunderte hat Horst schon aufgemöbelt, Hunderte warten noch da rauf. Acht bis zehn Stunden täglich friemelt er dafür in seiner Werkstatt. Ein Pensum, vergleichbar mit einem Vollzeitjob. Am Wochenende sitzen beide dann noch über dem Papierkram, denn "ein Verein bringt eine Menge Bürokratie mit sich", sagt Angelika, die hauptsächlich die Verwaltung übernimmt.

Das Telefon klingelt. "Computer Spende Hamburg, Matzen, guten Tag." Angelika teilt dem Anrufer mit, dass er eine Hartz-IV-Bescheinigung braucht, um sich eine komplette PC-Anlage mit Drucker abholen zu können. Eine Vereinsmitgliedschaft sei dafür nicht nötig.

Auf Wunsch verschicken sie auch per Post

Jeden Freitag könne er in die Werkstatt kommen. Auf Wunsch verschickt das Ehepaar aber auch per Post in andere Bundesländer. Allerdings nur, wenn sie vorab eine Paket-Marke bekommen.

Mehr als 100 Mitglieder verzeichnet die Computer Spende Hamburg mittlerweile. Ihr monatlicher Beitrag beträgt zwei Euro. Dafür lernen sie in regelmäßigen Seminaren, wie sie Computer bedienen und reparieren können.

Stolz mit etwas Wehmut - So ließe sich das derzeitige Gefühl von Angelika und Horst dafür beschreiben, was sie geschaffen haben. Wehmut deshalb, weil sie manchmal nicht wissen, wie es weitergehen soll. Auch sie unterliegen den Pflichten und Hürden des Arbeitsamtes. Und sie haben Kosten durch den Verein, die nicht alleine über die Mitgliedsbeiträge gedeckt werden können. Aber es gehe immer irgendwie weiter, sagt Horst. "Bill Gates hat in der Garage angefangen. Wir im Wohnzimmer. Und wer weiß, was noch kommt."

Es sind die kleinen Gesten aus dem Alltag, die sie ermutigen, weiter zu machen. "Wenn bedürftige Menschen aus Dankbarkeit ihre letzten Euro spenden oder Kinder vor Freude aufgeregt durch die Werkstatt rennen - das motiviert", sagt Horst. Ob die Computerspende schon mal jemanden zu einem Job verholfen hat, können die Matzens nicht sagen. Nur so viel: "Wir schaffen lediglich die Grundlage. Was diejenigen letztlich daraus machen, ist jedem selbst überlassen."

www.computerspendehamburg.de


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