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"Gute Schulen arbeiten nicht nur mit Berufspädagogen"

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erstellt am 04.Dez.2012 | 10:02 Uhr

Schulformen, die alljährlich von der Robert-Bosch-Stiftung den Deutschen Schulpreis erhalten, sind durchweg Integrierte Gesamtschulen und Grundschulen. Sie haben oft jahrgangsübergreifende Klassen, sie sind meist gebundene Ganztagsschulen, sie arbeiten individualisierend, sie rhythmisieren mit einem Wechsel von Anspannung und Entspannung, sie bündeln Fächer zu Lernbereichen, und sie halten Noten nicht für ganz so wichtig, weil sie mehr Wert auf Können als auf Wissen legen. Vor allem sorgen sie aber dafür, dass Schüler voneinander lernen, so dass die Lehrkräfte frei sind, sich einzelnen Schülern zuzuwenden.

Wenn Grundschüler mit Migrationshintergrund einen Sprachentwicklungsrückstand von mehr als einem Jahr haben, dann wird offenbar, dass die seit Jahrhunderten bewährte Arbeitsteilung, Familie erzieht und Schule bildet, heute bei mehr als 60 Prozent der Großstadtkinder nicht mehr funktioniert. Schule muss also auf fünffache Weise gestärkt werden, damit sie ihren Bildungsauftrag erfüllen kann:

> Unsere Kinder sollten wie die in den Niederlanden und in Luxemburg erzieherisch früher erfasst werden. Ab drittem Lebensjahr gibt es dort eine zweijährige obligatorische Vorschule, in der zwei Fremdsprachen spielerisch eingeführt werden.

> Die Einschulung muss mit dem fünften Lebensjahr stattfinden, weil immer mehr Kinder frühgefördert sind und zugleich immer mehr Kinder vernachlässigt in die Schule kommen.

> Ein längeres gemeinsames Lernen schafft deutliche mitreißende Effekte gegenüber schwachen Schülern. Die guten lernen nämlich durch Erklären viereinhalb mal so viel wie durch Zuhören; und da Schüler von anderen Schülern doppelt so viel lernen wie durch Lehrkräfte, lernen beide Gruppen mehr.

> Zwei große Studien belegen, dass Eltern von Ganztagsschülern sich abends, wochenends und in den Ferien viel mehr um ihre Kinder kümmern als Eltern von Halbtagsschülern. Ganztagschulen stärken also die Familien erzieherisch.

> Vor 15 Jahren waren meine Lehramtsstudenten noch nicht begeistert, wenn ich mit ihnen über Hausbesuche und Elternstammtische - in Kanada sind sie als "parent raps" selbstverständlich - sprechen wollte. Heute wissen sie bereits vor ihrem 1. Semester, dass sie nie und nimmer im "Raubtierkäfig Schule" klar kommen werden, wenn sie auf beides verzichten. Lehrkräfte müssen über die Kompetenzen für ihre Fächer hinaus zu Erziehungshelfern gegenüber Eltern, zu diagnostischen und therapeutischen Fachleuten gegenüber "verhaltensoriginellen" Kindern und zu Managern der Beschaffung sinnvoller Lernmaterialien ausgebildet werden.

Die Unterrichtsstundenbelastung deutscher Lehrkräfte ist im europäischen Vergleich extrem groß. Bis zu 29 Wochenstunden müssen sie unterrichten. In Skandinavien müssen sie nur 16 Wochenstunden geben, können aber durch Zusatztätigkeiten (Nachhilfe, Hausbesuche) ihr Gehalt erhöhen. In Finnland sind Lehrer hochangesehen, nur die besten Abiturienten werden Lehrer. Sie kommen nur nach einem langen Gespräch mit zwei Professoren ins Studium und nicht wie bei uns aufgrund einer Abi-Durchschnittsnote, mit der man gewiss nicht unbedingt die für Kinder so wichtigen guten Pädagogen erhält.

Selbstverständlich spielen auch Geld und Klassenfrequenzen eine Rolle, wenn es um erfolgreiche Schulen geht. Viel wichtiger ist aber, dass erfolgreiche Schulen immer Konsens im Lehrerkollegium haben. In 15 Jahren Lehrerfortbildung in ganz Europa fällt mir immer wieder auf: Frauen jedweden Alters und junge Männer stimmen neuen Lernweisen häufiger zu als ältere Männer, aber diejenigen, die zustimmen, sind fast in jedem Kollegium in der Minderheit.

Kinder, die nicht gut reden können und ein geringes Selbstwertgefühl zeigen, werden am häufigsten sowohl Opfer als auch Täter von Gewalt, und umgekehrt. Das gilt aber auch für die Lernfähigkeit: Bei gleicher Intelligenz lernen selbstbewusste Kinder etwa doppelt so viel wie Kinder mit zahlreichen Niederlagen in ihrem Leben.

Durch nichts aber lässt sich der Selbstwert besser erhöhen als durch Theaterspielen, durch Musikmachen und durch sogenannte "Dritte", also Menschen aus dem wirklichen Leben, beispielsweise Künstler, Sportler, Handwerker.... Gute Schulen arbeiten also nicht nur mit Berufspädagogen.

Abschließend sei noch bemerkt, dass Schulen, die mit Klasse 4 oder 6 enden, nur selten sehr erfolgreich sind, weil ihre Lehrkräfte keine Verantwortung bis zum Abi tur und zum Abschluss der Berufsschule übernehmen müssen. Und Schulen, die erst mit Klasse 5 oder 7 beginnen, werden auch selten gut.

Die allerbesten deutschen Schulen, die zum Abi tur führen, also die Jenaplanschule in Jena, die Montessori-Gesamtschule in Potsdam und die Neue Max-Brauer-Stadtteilschule in Hamburg, haben daher dafür gesorgt, dass ihr Bildungsplan in der eigenen Grundschule beginnt.

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