Gründungsboom der Genossenschaften

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27. Juni 2012, 07:37 Uhr

Hartmut Wallstabe in seinem Büro anzutreffen ist gar nicht so einfach. Als einer von sieben regionalen Geschäftsführern des in fast allen Bundesländern agierenden Genossenschaftsverbandes ist er viel unterwegs: bei seinen Mitgliedern zwischen Boizenburg, Saßnitz und Friedland, in der Neu-Isenburger Zentrale, bei Kollegen in Leipzig, Bremen oder Saarbrücken. Rund 200 Genossenschaften aus MV werden in Schwerin in ihren Jahresabschlüssen geprüft sowie beraten. Deutschlandweit sind 1900 der insgesamt etwa 7500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in diesem Verband Mitglied, Tendenz steigend.

Warum boomt die Rechtsform „e. G.“, die „eingetragene Genossenschaft“? Warum entscheiden sich Unternehmensgründer gegen die GbR, die GmbH? Hartmut Wallstabe zählt die Vorteile auf: „Kleine Betriebe profitieren zusammen als Genossenschaft von den besseren Ein- und Verkaufskonditionen. Jeder behält beim Eintritt sein Eigentum und wirtschaftet auch eigenverantwortlich. Bei einer Trennung wird auch nur sein Anteil wieder herausgelöst. In einer GbR ist das zum Beispiel viel schwieriger.“ Und während in einer AG diejenigen den Kurs bestimmen, die die meisten Aktien halten, haben in einer Genossenschaft alle die gleichen Stimmrechte. „Mir gefällt dieser Solidaritätsgedanke“, betont Wallstabe und weist auf Unterschiede zwischen Ost und West hin: Während Produktivgenossenschaften diesseits der Elbe auf eine lange Tradition zurückblicken, muss sich diese Rechtsform in den alten Ländern erst wieder etablieren. Und das, obwohl das deutsche Genossenschaftswesen 1847 nahe Bonn seinen Ausgang nahm.
Auch wenn Profitstreben nicht das primäre Ziel einer Genossenschaft ist und Gewinne zum Wohle aller Mitglieder wieder eingesetzt werden, muss natürlich marktwirtschaftlich agiert werden. Das fällt im Nordosten derzeit vor allem den Fischern schwer. Die Fangbegrenzung durch EU-Vorgaben hat in den vergangenen Jahren immer mehr Küstenfischer zum Aufgeben gezwungen. „Nur noch 14 unserer Mitglieder sind Fischereigenossenschaften, 1994 waren es noch 19“, bilanziert Hartmut Wallstabe. „Die Unternehmen, die aufgegeben haben, waren Küstenfischer. Den Binnenfischern geht es hierzulande relativ besser.“ Stabil ist hingegen die Zahl der rund 130 Agrargenossenschaften, die dem Genossenschaftsverband in MV angehören, ebenso die Zahl der hiesigen elf Volks- und Raiffeisen-Banken. Zuwachs verzeichnen im Verband die gewerblichen Genossenschaften, zu denen im Nordosten neben Friseur-, Fleischerei-, Metall- und Dachdeckergenossenschaften inzwischen auch vier Energiegenossenschaften gehören. „In diesem Sektor werden bundesweit die meisten genossenschaftlichen Neugründungen vorgenommen“, weist Hartmut Wallstabe auf die sich entwickelnde Branche hin. Und wenn auch nicht jede Energiegenossenschaft Mitglied in seinem Verband ist, freut es ihn doch, dass der Genossenschaftsgedanke auch in der jungen Generation Fuß fasst. In den vergangenen drei Jahren sind bundesweit mehr als 600 Genossenschaften neu gegründet worden. Vor zehn Jahren seien es jährlich nur etwa 30 Gründungen gewesen.

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