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Grotesker Besuch - und doch eine kleine Annäherung

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erstellt am 09.Dez.2011 | 07:39 Uhr

Die staatlichen Sicherheitsvorkehrungen beim Besuch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Güstrow im Dezember 1981 waren drastisch. Die Kleinstadt wurde zu einer Festung. Verriegelt, vernagelt, verrammelt. Das Ministerium für Staatssicherheit sperrte Straßen, stellte Bürger unter Hausarrest, ließ nur ausgewählte Menschen in den innersten Sicherheitsbereich. Im Interview erklärt der Rostocker Historiker Detlev Brunner, warum er die Vorkehrungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als grotesk empfindet.

Waren die Sicherheitsvorkehrungen in Güstrow DDR-Standard?

Detlev Brunner: Nein, in einer solchen Bündelung sind die Sicherheitsmaßnahmen der DDR meines Wissens nie zuvor angewandt worden.

Woran genau lässt sich das festmachen?

Die gesamte Stadt war abgeriegelt und jeder einzelne Bürger ist auf sein Störpotenzial überprüft worden. Alle, von denen Protestaktionen oder Kundgebungen zu erwarten waren, wurden, wenn man so will, einer Spezialbehandlung unterworfen. Der Güstrower Jugendpfarrer Heiko Lietz beispielsweise wurde für die gesamte Besuchsdauer unter Arrest gestellt. Da wurden Leute von der Stasi vor seiner Wohnung postiert und er durfte sie nicht mehr verlassen.

Gab es noch andere Strategien der Stasi, die Menschen aus der Stadt zu bekommen?

Ja, auch vor psychisch Kranken hat das Regime damals nicht haltgemacht und sie ohne Begründung in Kliniken eingewiesen. Die bekamen dort aber keine Therapie, sondern waren einfach nur für zwei bis drei Tage aus dem Verkehr gezogen und durften dann wieder nach Hause. Selbst vor Kindern und Jugendlichen hat man sich gefürchtet und ein buntes Treiben auf dem Marktplatz organisiert, das ausschließlich aus extra einbestellten Stasi-Leuten bestand. Der gesamten Delegation war völlig klar, dass diese ganzen jungen Menschen in Anoraks nicht irgendwelche Normalbürger sind, sondern Angestellte von Herrn Mielke.

Ein skurriler Staatsbesuch...

Zur Abreise Schmidts hat es laut eines Gedächtnisprotokolls aus dem zentralen Operativstab gar die Anweisung an die bestellten Schaulustigen gegeben, auf keinen Fall "Auf Wiedersehen" zu sagen. Das ist im Prinzip lächerlich, aber es ist auch bezeichnend: Schmidt sollte nicht wiederkommen. Auch hat es Anweisungen gegeben, ob und wann geklatscht werden durfte.

War der Besuch für die DDR-Führung ein Erfolg?

Obwohl es eher ein peinlicher Misserfolg war, kommt der Besuch im Gesamtzusammenhang vielleicht gar nicht so schlecht weg. Schließlich sind beide Staaten trotz einer politisch extrem angespannten Lage bereit gewesen, miteinander zu verhandeln. Zudem haben sich Schmidt und Honecker deutlich besser verstanden, als gut zehn Jahre zuvor Willy Brandt und Willi Stoph. Es war eine Station auf dem Weg der Annäherung beider Staaten.

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