Gottschalk-Dämmerung?

Thomas Gottschalk muss heute Abend neben Michelle Hunzinger und Dieter Bohlen bestehen.dpa
Thomas Gottschalk muss heute Abend neben Michelle Hunzinger und Dieter Bohlen bestehen.dpa

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14. September 2012, 07:54 Uhr

Berlin | "Ach Thommy", entfährt es vielen Deutschen zurzeit, "wie kannst du das nur machen? Bei RTL ein "Supertalent" suchen zusammen mit deinem gefühlten Erzfeind Dieter Bohlen!" Mancher TV-Zuschauer trauert der guten alten Zeit hinterher, als die ZDF-Show "Wetten, dass..?" noch von Thomas Gottschalk moderiert wurde - diesen angeblich seligen Zeiten der Samstagabendunterhaltung.

Der Sonnyboy der TV-Nation scheint in Gefahr. Laut einer Umfrage der Zeitschrift "Auf einen Blick" glauben 64 Prozent der Deutschen, dass Gottschalk mit der RTL-Show seinen Ruf gefährde. 36 Prozent glauben, er könne seine Popularität mit der Show noch steigern.

Selbst Gottschalks "Wetten, dass..?"-Nachfolger Markus Lanz, der ab 6. Oktober das ZDF-Flaggschiff steuert, fühlte sich in der "Hörzu" zur Kritik berufen.: "Bis dahin hatte ich das Gefühl, dass es für ihn bestimmte Leitplanken gab, zwischen denen er sich bewegte. Aber irgendwie haben wir da offenbar alle eine Ausfahrt übersehen."

An solchen Einschätzungen ist der 62-jährige Gottschalk nicht unschuldig. In einem Interview letzten November sagte er etwa: Beim "Supertalent" schaffe RTL "völlig neue Sehgewohnheiten" und jazze die Dramaturgie "gnadenlos" hoch. In einem RTL-Interview gab er jetzt diese Woche zu, das Format früher vor allem deshalb "beschimpft" zu haben, weil es ihm Zuschauer geklaut habe. Anfang Juli sagte er dem "Spiegel": "Das Supertalent" sei für ihn eine Art "Wetten, dass..?"-Fortführung: "Menschen vorstellen, die etwas können, was die Welt nicht unbedingt braucht."

Bohlen gab derweil schon Ende 2009, etwa in der Zeitschrift "TV Digital", die Parole aus, "Das Supertalent" sei besser als "Wetten, dass..?", weshalb er im Quoten-Rennen der beiden Shows siegen wolle. Er gebe sich dafür "eine Frist von drei bis vier Jahren".

Wirklich überholt hat die RTL-Talentsuche den ZDF-Klassiker noch nie - mit einer Ausnahme, die aber ein tragischer Sonderfall war. Am 4. Dezember 2010, als Gottschalk seine Show wegen des Unfalls von Samuel Koch nach einer halben Stunde abbrach. Und genau diese Schicksalssendung trieb Gottschalk zum Aufgeben der ZDF-Show und jetzt an den Jury-Tisch von Bohlen - freilich über den kurzen ARD-Umweg mit "Gottschalk Live".

Wie sich der Entertainer beim "Supertalent" gibt, ist ab heute zu sehen. Als Zaungast einer Aufzeichnung betätigte sich vorab unter anderem "Gottschalk Live"-Redaktionsmitarbeiter Lucas Vogelsang. Sein Text erschien in mehreren Zeitungen. Er geht der Frage nach, wie Gottschalk ("Deutschlands größter Entertainer seit Hans-Joachim Kulenkampff") an eine "Gameshow-Tröte" gelangen konnte.

Auch der Medien-Kritiker Stefan Niggemeier saß bei einer der Aufzeichnungen im Publikum. In seinem Blog schrieb er: Von den drei Jurymitgliedern habe der 62-Jährige "die unglücklichste Rolle", weil er den Kandidaten mit Menschenfreundlichkeit zu begegnen versuche, was in dem Format schwierig sei. Fazit: "Schwer zu sagen, ob Thomas Gottschalk sich fragt, wo er hier gelandet ist."

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