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25. September 2017 | 01:07 Uhr

Getarnte Kaffeefahrt abgesagt

vom

svz.de von
erstellt am 30.Nov.2011 | 08:01 Uhr

Wittenberge | Gestern früh 7 Uhr am Busbahnhof: Schüler und ältere Menschen stehen an der Bushaltestelle. Etwas abseits beobachtet die Polizei das Geschehen. Die drei Beamten warten auf einen ganz speziellen Bus sowie auf Gabriele Hahn und Chris Brandt von der Stadtverwaltung. Die beiden Ordnungshüter haben ein Ziel: Die Menschen vor einer bevorstehenden Kaffeefahrt zu warnen. Die Polizisten sollen sie dabei unterstützen. Die Erfahrung zeigt, dass ihre Anwesenheit manchmal von Vorteil ist, berichtet Gabriele Hahn später.

Um 7.20 Uhr steuert ein Reisebus mit dem Kennzeichen HBN (Hildburghausen in Thüringen) den Busbahnhof an, hält und wartet. Der Busfahrer ist ein junger Mann. Sein Auftrag: Wittenberger mit einer Einladung des Unternehmens "TV-Mediacenter Deutschland" zur Jubiläumsfahrt einzusammeln und an ein unbekanntes Ziel zu bringen (wir berichteten vergangenen Donnerstag).

Inzwischen haben sich vier Leute an der Fahrertür des Busses eingefunden. Sie strecken ihre Hände in die Höhe, zeigen dem Busfahrer ihre Einladungen, auf denen mit der Übergabe eines "LCD-Fernsehers der neuesten Generation" sowie eines Reiseradios frohlockt wird.

Es ist das Zeichen für Gabriele Hahn und Chris Brandt. Sie betreten den Bus, fragen, wohin die Fahrt geht. Nach Plau am See antwortet der junge Mann am Steuer ohne Umschweife. Die genaue Adresse kenne er aber nicht, die bekomme er während der Fahrt per Handy mitgeteilt. Das Ordnungsamt kennt die Masche schon. Die Menschen im Bus haben sich verteilt. Gabriele Hahn warnt, dass es sich hier um eine getarnte Kaffeefahrt handelt und die Teilnehmer mit hoher Wahrscheinlichkeit abgezockt werden. Sie verteilt Infomaterial. Daran Anteil nimmt niemand.

Ein älterer Herr mit Schiebermütze nähert sich dem Fahrzeug. "Wissen Sie, dass es sich um eine illegale Verkaufsveranstaltung handelt?" "Ja", antwortet dieser. Aber darum gehe es ihm nicht, er wolle nur unter Menschen sein. Der Mann lächelt unbekümmert und steigt ein. Die Türen schließen sich, der Bus fährt ab. Nächster Halt: Schwimmhalle. Von da geht es weiter über Breese und über die Landesgrenze nach Mecklenburg-Vorpommern - angeblich.

Am Stern ist die Nacht inzwischen zum Tag geworden. Da erscheint der Bus erneut, dreht seine Runde um den Kreisverkehr, fährt in der Lenzener Straße ab und hält unvermittelt am Fahrbahnrand. Die Gäste steigen aus. Zu wenige Teilnehmer. Der Busfahrer habe Rücksprache mit dem Veranstalter gehalten und diese hätten die Tour ins Grüne abgeblasen, erzählt der ältere Schiebermützen-Herr. Ob das stimmt, oder ob der Veranstalter Ärger witterte, ist unklar. "Na toll, da fahre ich seit zehn Jahren zum ersten Mal wieder mit und schon fällt die Kaffeefahrt aus", klagt ein Mann die Ordnungshüter an. Für diese ist es ein Erfolg. "Wittenberge ist bekannt dafür, dass wir den Veranstaltern die Show verderben", sagt Gabriele Hahn schmunzelnd. Vor drei Jahren hätten sie fünf bis sechs Kaffeefahrten auffliegen lassen. Gegenwärtig meiden viele derartige Veranstalter die Elbestadt.

Anbieter von Kaffeefahrten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie Gewinne versprechen, die im Rahmen einer Busfahrt übergeben werden sollen und weitere Personen eingeladen sind. Das "TV-Mediacenter Deutschland" weist in seiner Einladung allerdings darauf hin, dass es sich bei "dieser Jubiläumsfahrt nicht um eine so genannte Kaffeefahrt handelt". Aber als genau solche bezeichnen das Ordnungsamt des Lahn-Dill-Kreises sowie diverse Warnungen im Internet die Einladung des Unternehmens. Für eine Stellungnahme war das Mediacenter in den vergangenen Tagen nicht zu erreichen.

Vermeintlich wertvolle Produkte an den Mann bringen, sind das Ziel von Kaffeefahrten. Sie finden meist in angemieteten Gasträumen statt. Verkaufsveranstaltungen sind nicht generell verboten. Wenn ein Wanderlager - so nennt sich eine Verkaufsveranstaltung - bei den Ordnungsämtern angemeldet und bei der IHL angezeigt ist, ist das kein Problem, betonte Gabriele Hahn. Anbieter von Kaffeefahrten können jedoch keine Reisegewerbekarte vorweisen, die sie als seriöses Unternehmen auszeichnet. Ihnen droht in solchen Fällen ein Bußgeld.

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