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23. September 2017 | 21:52 Uhr

Gen-Klage gegen Nawaro

vom

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2010 | 07:42 Uhr

Güstrow | Er würde niemals wieder Genmais anbauen, sagt Landwirt Gerd Wirtz aus Prebberede südlich von Rostock. Vor vier Jahren sei er blauäugig gewesen. Er kaufte den neu zugelassenen Mais MON 810 und säte ihn 2007 aus. "Es war ein Fehler", schätzt er heute ein. Das Gentechnik-Gesetz sei unzureichend. Die Bauern müssten zwar des Saatgutes bis zur Ernte alles dokumentieren und würden kontrolliert. Die Industrie aber habe freies Spiel. "Und alle schauen weg", schimpft Wirtz. So wirft der Landwirt dem Biogashersteller Nawaro in Güstrow vor, Genmais und konventionellen Mais zusammen vergärt zu haben. Er hegt auch einen konkreten Verdacht, wohin "seine" Gärreste als Dünger gelangten - auf den Acker eines Bauern, der 2003 Mitbegründer der ersten gentechnikfreien Region Deutschlands im Warbel-Recknitz-Tal war.

Nawaro erzeugt aus Biomasse und Gülle durch Gärung Biogas. Die dabei entstehenden Reste gibt Nawaro an die Lieferanten zurück, sagt Betriebsleiter Norbert Hoogen. Wirtz kündigte den Liefervertrag mit Nawaro. 2006 aber stand der 400-Hektar-Familienbetrieb auf der Kippe. Die Hälfte der Maisernte war dem Schädling Maiszünsler zum Opfer gefallen. Da sah Wirtz in dem schädlingsresistenten Genmais seine Perspektive. Wirtz ließ sich schulen, fühlte sich gut gerüstet auch für das Ausbringen der Gärreste, die er zurückerhalten würde. Nur: Er bekam sie nicht zurück. 2007, 2008 und 2009 lieferte Wirtz an Nawaro 21 000 Tonnen Genmais, den Nawaro einlagerte, um ihn später zu vergären. Im März 2010 holte die Firma Wirtz zufolge den ersten Genmais aus dem Silo. Nach 60 bis 80 Tagen - die Dauer des Gärprozesses - hätte er die Rückstände wieder auf dem Hof haben müssen. Er habe Nawaro auf das Versäumnis aufmerksam gemacht, berichtet Wirtz, so wie auch auf Mängel an den Feldsilos von Nawaro. Wildschweine und Krähen hätten sich an der Folie zu schaffen gemacht und den Mais verstreut. Der Energieriese ließ die Vorwürfe den Landwirt finanziell spüren. Er bezahlte ihm nicht mehr wie vereinbart den Grünmais, sondern den nach der Lagerung viel leichteren Silomais.

Nawaro hat dem Agrarministerium zufolge bisher 5000 Tonnen Genmais von Wirtz verarbeitet. Dieser sei mit konventionellem Mais in den Fermenter gegangen, sagt Hoogen: "Die Menge lag weit unter einem Prozent der absolut durchgesetzten Menge von 430 000 Tonnen jährlich und damit unter der Bagatellgrenze." Laut Wirtz stimmt diese Rechnung nicht: Der Genmais sei nur 2010 verarbeitet worden, in zwei Monaten. Damit wären in dieser Charge sieben Prozent Genmaterial enthalten gewesen. 0,9 Prozent sind erlaubt. Wirtz prüft eine Strafanzeige gegen Nawaro wegen Verstoßes gegen das Gentechnikgesetz zum Schaden der Umwelt.

Dass keimfähiges Saatgut den Verarbeitungsprozess übersteht, sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgeschlossen, sagt Hoogen. Dem schließt sich Agrarminister Till Backhaus (SPD) an. Dennoch will er untersuchen lassen, was mit Maiskolben in der Biogasanlage tatsächlich geschieht. Experten zufolge überstehen bis zu fünf Prozent der Maiskörner den Fermentationsprozess unbeschädigt und können wieder keimen. Zum anderen bleibt nach Wirtz Ansicht die gentechnische Information im Gärrest erhalten. Auch das will Bakchaus testen lassen. Und er mahnt bei der Bundesregierung die Kennzeichnungspflicht für alle genveränderten Produkte an. Sein Fazit: Eine "friedliche Koexistenz" von Gen- und konventionellen Pflanzen scheint nicht möglich zu sein.

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