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23. November 2017 | 14:21 Uhr

Gemüsebeet und Rückzugsort

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erstellt am 26.Jul.2013 | 06:58 Uhr

Hamburg | Franz Piskorz erinnert sich noch gut daran, wie er und die anderen Kleingärtner-in-spe Mitte der 80er Jahre einen 800 Meter langen Graben ausschachteten, um darin eine Stromleitung zu verlegen. 1,20 Meter tief, sagt er, hätten etwa 50 Männer der Kleingartensparte Mühlberg im thüringischen Bad Salzungen damals gegraben. "Von Hand." Die ganze Aktion sei typisch dafür gewesen, wie zu DDR-Zeiten Kleingärten entstanden und an die Infrastruktur angeschlossen worden seien - häufig auf Anordnung der Partei, immer mit viel Improvisationstalent und Gemeinschaftsgeist.

Das meint auch: anders als vielerorts in der damaligen Bundesrepublik. Doch bei allen unterschiedlichen Traditionen: Die Unterschiede im Kleingartenwesen zwischen den alten und neuen Bundesländern verschwinden immer mehr; auch wenn die Bewirtschaftung einer eigenen Parzelle zahlenmäßig im Osten noch beliebter ist.

Zwar habe das Kleingarten-Dasein schon im 19. Jahrhundert gesamtdeutsche Vorläufer gehabt, sagt der Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde, Peter Paschke. Doch sei der Wunsch vieler Menschen nach einer grünen Parzelle auf dem Gebiet der DDR viel stärker entwickelt gewesen als in der alten Bundesrepublik - weshalb sich heute noch von bundesweit 970 000 Kleingartenparzellen, 650 000 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR befänden. Viele DDR-Kleingärtner mussten auf ihre Parzelle teils jahrelang warten.

"Die Leute im Osten konnten ja erstens nicht so verreisen wie im Westen", sagt Paschke, dessen Verband als Dachorganisation die Interessen der etwa 15 600 Kleingartenvereine in Deutschland vertritt. "Viele haben deshalb ihren Urlaub im Kleingarten verbracht." Zweitens sei die Möglichkeit, Obst und Gemüse anzubauen und so den Versorgungsengpässen des real existierenden Sozialismus ein Stück weit ausweichen zu können, ein weiterer wichtiger Ansporn für viele gewesen. Beides habe für das bundesdeutsche Interesse am Kleingarten praktisch kaum eine Rolle gespielt.

Über beidem stand, da sind sich Paschke und Piskorz einig, allerdings noch der Wunsch vieler DDR-Kleingartenbesitzer, sich einen täglich verfügbaren Rückzugsraum im Grünen zu schaffen - ein Wunsch, der auch im Westen die prägende Motivation für die Bewirtschaftung eines eigenen Stücks Grün war.

"Man hat immer ein Ziel, wenn man eine Kleingartenparzelle hat", sagt Roger Gloszat vom Landesbund der Gartenfreunde Hamburg.

Die Kleingärtner in Hamburg seien deshalb meist Bewohner von Mehrfamilienhäusern, sagt er. Anders als im Osten seien viele Kleingärten in Hamburg nicht von den späteren Nutzern von Grund auf mitaufgebaut worden, sondern durch die Stadt im Wesentlichen fertig übergeben worden, erzählt Gloszat - vor allem dann, wenn bestehende Kleingartenanlagen an einen anderen Ort verlegt worden seien, weil die Flächen gebraucht wurden. Das dürfe zwar nicht als typisch für die gesamten alten Bundesländer betrachtet werden. Aber es zeigt doch die Extreme beim Entstehen der Kleingärten in Ost und West: auf der einen Seite grundlegend aufbereitete Anlagen, auf der anderen Seite die Notwendigkeit, Hunderte Meter mit eigener Hand und Kraft zu schachten.

Jenseits der reinen Zahl der Kleingärtner ebnen sich 20 Jahre nach der Wende die Unterschiede zwischen Ost und West auch im Kleingartenwesen immer weiter ein. Hüben wie drüben seien Menschen aller sozialen Schichten in Kleingärten zu finden, sagen Piskorz, Paschke und Gloszat. Hier wie da genieße man als Kleingärtner die gleichen Privilegien und habe die gleichen Pflichten.

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