Gel-Dusche auf vereiste Tragflächen

Der erste Kontakt: Bernd Lepschinski nimmt von Fliegern Wünsche für Enteisung entgegen. Er hat alle auf dem Radar.
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Der erste Kontakt: Bernd Lepschinski nimmt von Fliegern Wünsche für Enteisung entgegen. Er hat alle auf dem Radar.

Frostige Zeiten: Die derzeitigen Minusgrade fordern von den Beschäftigten des Flughafens Rostock-Laage einige Anstrengungen extra: Vor Starts und Landungen müssen sie die Bahnen auf Eis und Schnee untersuchen und enteisen, die Reibung checken. Flugzeuge erhalten vor dem Abflug eine Gel-Dusche: Das Enteisungsmittel soll verhindern, dass die Aerodynamik leidet, Flieger womöglich abstürzen. Viele Hände greifen ineinander, wenn ein Flugzeug Laage ansteuert. Beispiel: der Abendflug der Gesellschaft SunExpress von und nach Antalya.

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11. Januar 2009, 07:18 Uhr

Laage | Blasse Menschen schieben sich in der Schlange zum Einchecken. Der Abendflug vom Airport Rostock-Laage XQ 544 nach Antalya wird 139 Gäste in den warmen Süden bringen. Auf dem Rollfeld an Finger 1, dort, wo die Boeing 737-800 der Gesellschaft SunExpress anrollen wird, steht Sylvie Grothe und friert. Die 21-jährige Rostockerin ist Ramp Agent, Managerin für alles, was zwischen Landung und Abflug geschieht. Ihr Atem drückt weiße Bahnen in die Luft. Sie trägt ein Funkgerät. Grothe läuft in Richtung Landebahn. "Ich prüfe, ob Kleinteiliges, Eis oder Schnee dort liegt", sagt sie.

Jürgen Roske blickt auf die Uhr. Noch ein paar Minuten, dann wird der Ferienflieger aus Antalya kommen, 64 Menschen ausspucken, die doppelte Zahl aufsammeln. Roske blickt vertrauensvoll auf seinen Azubi: Sylvie Groth. "Sie hat alles im Griff", sagt der Verkehrsleiter des Flughafens zufrieden.

Leichter Frost am Airport. Ein halbes Dutzend Männer macht sich bereit; Felix Großmann lenkt den Skiddometer ins Dunkel. Das Spezialgerät, ein Transporter mit Anhänger, misst die Reibung auf der Piste. "Wenn Eis drauf ist, wird es nichts", sagt Roske. Dann kann ein Start oder eine Landung auch mal ausfallen.

Zu viel Eis: "Das kann zu Abstürzen führen""Da kommt sie." Roske blickt nach Süd-Osten in die Nacht, wo ein helles Licht die Boeing ankündigt. SunExpress ist ein paar Minuten zu früh. Jetzt muss es schnell gehen.

Winter auf dem Airport. Glätte, Schnee, beißender Wind. Eine Sonderbehandlung für die Boeing ist gefragt: Bei Kälte seien die Tragflächen oft überfroren, erklärt Roske. Schlecht für einen sicheren Flug, die Aerodynamik leidet. Roske: "Das kann bis zu Abstürzen führen." Früher war er selbst Pilot beim Militär. Anglizismen sprudeln aus seinem Mund. Das "De-Icing" kann beginnen: Heißes Wasser mit Glycol wird auf das Flugzeug gesprüht, ein Gel als Schutzfilm über die Hülle gelegt. "Da muss die Chemie ran", sagt Roske. Sicher ist sicher. In 10 000 Metern Höhe herrschten jetzt minus 60 bis 65 Grad Celsius. Die Männer und Frauen am Boden sind bereit. Sylvie Grothe dirigiert den Flieger zur Standposition. Im selben Augenblick schließen Kollegen einen Generator an, um das Flugzeug am Laufen zu halten. 125 Volt, 400 Hertz, 100 Ampere zeigen die Messgeräte.

Carsten Fritz und Thomas Schulskis laden in Windeseile Koffer aus dem Bauch des Fliegers. Bis zu zwei Tonnen können da drin sein. Die Männer schwitzen trotz der Kälte.

Den anrollenden Tankwagen schickt die türkische Crew wieder weg. "Die kommen mit billigem Sprit aus der Türkei und fliegen wieder zurück", sagt Jürgen Roske. "So ist das eben." Bei wenigen Passagieren passe mehr Kerosin an Bord.

"Hello, how are you?" Kapitän Mustafa Yukser grüßt freundlich. Er wirkt wie ein Gentleman, selbst als er mit geschmeidigen Bewegungen am Boden um sein Flugzeug läuft und prüft. Eine halbe Stunde hat seine Crew, dann kommen die neuen Passagiere. "Ob wir Enteisung brauchen, entscheide ich später", teilt er dem Laager Verkehrsleiter mit. Dann verzichtet er darauf. Gel gegen Frost kostet Geld, das der Flughafen extra verdienen könnte (siehe Hintergrund). Später sprüht dann doch ein weißer Film aus einer Pistole: Das Gel, das die Eisbildung verhindert, legt sich auf die Metallhülle. 250 000 Euro koste das Gerät, so Roske. 500 bis 600 Liter seien für ein Flugzeug nötig.

Nur bis zu drei Flieger am Tag - das kostet GeldAn Bord mischen sich Stewardessen aus Antalya mit der Putzkolonne aus Laage: Ayfel Firat räumt Abfall weg, Silke Statetnzy lässt einen Staubsauger summen. "Weg da", schimpft eine Putzfrau. "Männer stehen beim Putzen immer im Weg."

Im Winter ist der größte Flughafen des Landes ruhig - und doch nicht. Maximal drei Flieger kommen und gehen am Tag, das Personal muss trotzdem da sein. Das viel zu große Terminal ist warm. Fünf Züge stehen für das Beräumen der Landebahn von Schnee bereit. Ist Not am Mann, rollt die Bundeswehr an. Bei Eis müsse die Piste ständig gereinigt werden. "Erst mechanisch, dann mit der Bürste", erklärt der Verkehrsleiter. Laage ist oft eisig. "Wir haben ein Kaltloch hier", so Roske. Der Wind kriecht eklig hinter Kragen.

Sylvie Grothe hat es fast geschafft. Mit einem Schwung knallt die junge Frau die Gepäckklappe der Boeing zu. Dann klatscht sie einen Kollegen ab. Noch drei Minuten bis zum Start. Die ersten blassen Passagiere kommen die Gangway entlang. Drei Stunden bis Antalya. Die Laager blicken sehnsüchtig hinterher.

Verkehrsaufsicht: Der wärmste Platz des TeamsBernd Lepschinski hat den wärmsten Platz im Team. Er sitzt hinter einer Scheibe in der Verkehrsaufsicht, nimmt Wünsche der Flugzeug-Crews über Funk an und notiert Extras, die zu bezahlen sind. Ein Radar zeigt ihm alle Flugzeuge Norddeutschlands mit Kennnummern an. "Die Daten kommen von der deutschen Flugsicherung", so Lepschinski. "Vom Schmooksberg." Über Hamburg ist die Hölle los. Über Laage ist es leer. Das ist im Moment ein großes Problem für den Flughafen, der tief in den roten Zahlen steckt, jährlich hohe Zuschüsse seiner Gesellschafter - Hansestadt Rostock, Landkreis Güstrow und Stadt Laage - braucht.

Der Norden soll für neue Airlines bald wieder attraktiver werden, erklärt Geschäftsführerin Maria Muller, wann immer sie gefragt wird. Ein Konzept sei in Arbeit.

Die türkische Crew der Boeing 737 ist beliebt in Laage. Offen und fröhlich. Gordon Jenner, Marketingleiter am Airport, verschenkt Schokolade und Gummibärchen. Kommt bloß wieder.

Ohrenbetäubener Lärm setzt wieder ein, als die Maschine vom Flughafengebäude wegrollt. Sylvie Grothe hat ihren Job gemacht.

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