Geist der Weihnacht erweckt Ort zum Leben

Ein Krippenspiel rettet verlassenes Bergdorf vor dem Vergessen

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24. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Oft sind die schönsten Geschichten solche, die das echte Leben schreibt: Etwa jene über das kleine Nest Masia de Castelló im bergigen Hinterland Nordspaniens. Ein uriges Dorf, das vor einem halben Jahrhundert von seinen letzten alten Bewohnern verlassen worden war. Weil es in dem Ort, der zur katalanischen Mittelmeerprovinz Tarragona gehört, keine Zukunft mehr gab.

Bis sich Kinder und Enkel der alten Dörfler vor einem guten Jahrzehnt an ihre Wurzeln erinnerten. Seitdem lassen die Nachkommen samt Familien zur Weihnachtszeit die Geistersiedlung, in der schon wilder Wein und Gras die Mauern überwucherte, wiederaufleben.

Zwischen Ruinen und restaurierten Steinhütten inszenieren die Rückkehrer die christliche Weihnachtsgeschichte – in der sie selbst die Hauptrolle spielen.

Ein riesiges Loch in der Fassade einer Hauswand, das von weitem wie ein Torbogen aussieht. Eine festungsähnliche Ummauerung, dahinter die Berge und ein grüner Pinienwald – das ist der erste Eindruck von Masia de Castelló. Eine gewundene, schmale Straße führt hinauf in dieses abgelegene Nest, zu dessen Füßen am Meer die katalanische Urlaubsregion Costa Dorada, die Goldküste, liegt.

Enten und Hühner watscheln schnatternd durch enge Gassen. Aus Schornsteinen ziehen Rauchsäulen in den Himmel. Feuerschein erhellt Fenster- und Türöffnungen. Aus Werkstätten hört man Hammerschläge. Der Duft von frischem Brot liegt in der Luft. Frauen kochen über Lagerfeuern. Kinderlachen füllt das Dorf mit Heiterkeit.

Musikanten ziehen umher, singen Weihnachtslieder. „Fum, fum, fum, ein hübsches Knäblein wurde in einem Stall geboren“, trällern sie eine der populärsten katalanischen Weihnachtsmelodien. Nicht weit vor ihnen schaut man durch einen Mauerdurchbruch in einen Stall hinein, in dem Maria vor einer Krippe sitzt. Josef, auf einen krummen Stock gestützt, steht auf der anderen Seite der Wiege. Die biblische Weihnachtsszene aus Bethlehem, nachgespielt im katalanischen Geisterdorf.

Tausende Besucher kommen in diesen Tagen in diesen aus Ruinen auferstandenen Ort, um in die Vergangenheit zu reisen. Besonders voll wird es am 5. Januar, dem Vorabend des Dreikönigstages. Dann warten viele Kinder in den Straßen und blicken gespannt auf die Berge. Aus denen in der Dunkelheit die Heiligen Drei Könige in das verwunschene Dorf kommen, um Geschenke zu bringen.

„Wir wollten das alte Dorf, in dem vor 100 Jahren etwa 140 Menschen lebten, zu neuem Leben erwecken“, sagen die jungen Initiatoren, die sich im „Bürgerverein Masia de Castelló“ zusammengeschlossen haben. Und sie möchten den Geburtsort ihrer Vorfahren vor dem Vergessen bewahren. Das ist ihnen ganz offenbar gelungen.

Dank dieser Initiative mit dem schönen Namen „Sternenkrippe“ wird in dem Dorf Masia de Castelló inzwischen eine der berühmtesten „lebenden Weihnachtsgeschichten“ im ganzen Land inszeniert.



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