Gegenentwurf zum ausufernden Konsum

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11. Juli 2012, 09:54 Uhr

Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren stehen im Mittelpunkt der Arbeit des Cen tres on Sustainable Consumption and Production (CSCP), das vor sieben Jahren vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie gegründet wurde. Mit Geschäftsführer Michael Kuhndt, der Berater des Weltwirtschaftsforums in Davos ist, sprach Kathrin Neumann.

Tauschbörsen, Carsharing unter Nachbarn, Haustauschportale - müssen immer mehr Menschen aus Geldnot solche Möglichkeiten nutzen?

In den meisten Fällen geht es den Nutzern nicht bzw. nicht allein ums Sparen. Sie kommen aus allen Einkommensgruppen. Natürlich sind darunter auch viele, die wenig Geld haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch jede Menge Nutzer, die ein normales oder sogar hohes Einkommen haben. Ihnen geht es nicht vordergründig ums Geld.

Worum dann?

Sie suchen soziale Kontakte, wollen etwas erleben oder ihr Leben unter dem Motto "Simplify your life" entrümpeln, Zeug loswerden. Oder sie wollen sich durchs Teilen Dinge ermöglichen, die ihnen ihr normaler Alltag eigentlich nicht erlaubt. Beispiel Dogsharing: Ich würde gern einen Hund haben, muss aber die ganze Woche über arbeiten. Also teile ich mir einen Hund mit anderen Personen. Es geht also nicht ums Geld, sondern um die Ressource Zeit. Und auch darum, glücklich zu sein. Um die Ressource Fähigkeiten geht es, wenn Kuchenbacken gegen eine Stunde Gärtnern getauscht wird. Unter Freunden war so etwas ja schon immer üblich. Und auf den Internetplattformen hat man nun ganz viele Freunde.

Und nicht zuletzt geht es vielen Nutzern um Nachhaltigkeit, um umweltbewusstes Konsumieren als Gegenentwurf zum ausufernden Konsum, zum ständigen Kaufen und Wegwerfen. Um gut zu leben, müssen wir nicht alle Produkte selbst haben. Wichtig ist, dass wir den Zugang zu ihnen haben. Ein Auto steht doch 80 Prozent der Zeit herum. Ziel ist es, Produkte effektiver zu nutzen.

Ein neuer Trend?

Genau genommen ist es ja nichts ganz Neues. Es ist ein altes Vorgehen in neuen Schuhen. Früher wurde doch viel intensiver getauscht und geteilt. Aber da war der Kontakt zu den Nachbarn auch noch wesentlich enger. Heute kennt man sie zum Teil kaum noch. Durch Tauschbörsen im Internet lerne ich sie wieder kennen. Möglich wird das gemeinschaftliche Konsumieren durch die Verbreitung von Smartphones. Mit ihrer Hilfe kann ich ständig nachschauen, was wo angeboten wird. Ich bin sicher, dass es irgendwann eine App geben wird, die alle in einer Straße angebotenen Güter und Leistungen anzeigt.

Einem bislang Fremden das Auto borgen, Unbekannte ins eigene Haus ziehen lassen oder ihnen Geld leihen - da muss man aber ein Urvertrauen haben.

Es ist immer die Frage, welche Beziehung man zu dem Produkt hat. Ist sie besonders innig, sieht man es sogar als Statussymbol, wird man es kaum anbieten. Ansonsten gelten beim Tauschen, Teilen oder Verleihen über das Internet genauso Spielregeln wie sonst. Ich kann selbst entscheiden, wem ich das Angebot mache - zum Beispiel bei Facebook nur meinen Freunden - und ich kann einen Interessenten auch immer ablehnen. Viele Tausch- und private Verleihgeschäfte sind zudem über Versicherungen abgesichert.

Den Produzenten kann diese Entwicklung nicht gefallen.

Die Hersteller beobachten sie argwöhnisch, weil klar ist, dass in Zeiten knapper und teurer werdender Ressourcen auch sie umdenken müssen. Ein Geschäftsmodell, das allein auf das klassische Verkaufen ausgerichtet ist, wird sich in Zukunft nicht halten können. Stattdessen werden ganz viele neue Geschäftsmodelle entstehen. Deutschland wird sich vom produzierenden mehr zu einem Dienstleistungsland entwickeln. Das ist jedoch ein längerer Prozess. Carsharing gibt es ja auch schon seit rund 15 Jahren. Aber erst in den letzten vier, fünf Jahren sind die Nutzerzahlen so weit gestiegen, dass die kritische Masse von Akteuren erreicht ist.

Wie weit ist Deutschland beim Thema gemeinschaftlicher Konsum?

Wir liegen im guten Mittelfeld. In den Staaten und in Australien geht die Entwicklung schneller voran - dort ist aber auch der Hyperkonsum schon ausgeprägter. Letztlich hat es der Konsument in der Hand, wie schnell es vorwärtsgeht. Dazu gehört auch ein Umdenken: Ein Auto zu haben, ist schön, eines zu teilen und dabei noch soziale Kontakte zu schaffen, fast noch schöner.

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