Gegen den Strom

svz.de von
01. Juni 2012, 10:47 Uhr

Joachim Gauck lässt keine Zeit verstreichen. Gerade neu im Amt, meldet sich der Bundespräsident zu Wort, setzt Akzente und legt offenbar gesteigerten Wert darauf, sein eigenes Profil zu schärfen. Gauck hinterfragt die Dinge, nimmt sich die Freiheit, auch überraschende und unbequeme Meinungen auszusprechen. Der Präsident stellt die Frage, ob der Begriff Staatsräson, den Kanzlerin Angela Merkel stets in Verbindung mit der historischen deutschen Verantwortung für Israel und das jüdische Volk verwendet, auch wirklich passend ist, ob es auch für künftige Generationen die Verpflichtung zu uneingeschränkter Solidarität auch bei womöglich noch so abenteuerlichen politischen Entscheidungen in Jerusalem geben kann. Dass er dies ausgerechnet bei seinem Antrittsbesuch im Heiligen Land thematisiert hat, ist ein Fehler, den er wohl bereits selbst erkannt und relativiert hat.

Dass er jetzt auf Distanz zur Islam-Rede seines Vorgängers Christian Wulff geht und dessen Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland in Zweifel zieht, mag der Anstoß für eine notwendige, überfällige theologisch-kulturelle Debatte sein. Sein innenpolitisches Ausrufezeichen kommt ausgerechnet, als er sich noch im Ausland, in den Palästinensischen Gebieten, aufhält. Dass sich Gauck nicht ins Korsett seiner Vorgänger pressen und nicht nur in den tagespolitischen Mainstream mit einstimmen will, ist erfrischend und belebend. Doch kann es für ein Staatsoberhaupt nicht als Leitmotiv dienen, unbequem sein und gegen den Strom zu schwimmen zu wollen.

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