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Jahrestag des Titanic-Untergangs : Gedrängel in 3800 Metern Tiefe

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Der Untergang der Titanic: Am 15. April 1912 kollidierte der Luxusliner im Nordatlantik mit einem Eisberg und sank. Das Unglück jährt sich zum hundertsten Mal und das wird so viele Taucher anziehen wie selten zuvor.

svz.de von
erstellt am 03.Apr.2012 | 12:05 Uhr

St. Johns | Larry Daley streift sich seinen blauen Overall über und steigt in das Tauchfahrzeug. Die "Mir 1" wird zu Wasser gelassen und rauscht mit 30 Metern in der Minute in die Tiefe. Durch das kleine Bullauge im Steuerraum erkennt Daley zunächst noch sprudelndes Wasser, dann wird das Meer pechschwarz. Nach einer Weile tauchen leuchtende Algen aus dem Dunkel auf und knallen gegen das Panzerglas. Dem Beobachter Daley kommt es vor wie ein Feuerwerk in der Tiefsee. Es geht weiter nach unten, immer weiter.

Nach mehr als zwei Stunden kommt die Kapsel endlich zur Ruhe. Im Innenraum hat es 12 Grad, der Pilot schaltet die Außenscheinwerfer an. Die Lichter werden von einer mächtigen 12 000-Watt-Batterie betrieben doch der Blick reicht höchstens vier Meter. Zunächst sieht Daley nicht viel mehr außer sandigen Böden, ein paar Korallen und Steinfischen. Dann tauchen im Lichtkegel des Tauchbootes Strukturen auf: Metallteile, Ketten, ein Geländer. "Gespenstisch, absolut gespenstisch", sagt Daley.

Der Kanadier ist am Wrack der Titanic angekommen. In 3800 Metern Tiefe in der ewigen Dunkelheit des Nordatlantiks, etwa 20 Kilometer südöstlich jener Unglücksstelle, an der der Luxusliner am 15. April 1912 während seiner Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidiert und gesunken war. Da liegt sie nun vor ihm, auseinander gebrochen in zwei große Teile, versunken im meterhohen Schlick, umgeben von Tausenden Trümmern. Angefressen von Bakterien und Rost.

Daley gehört zu den wenigen Menschen, die das Wrack der Titanic mit ihren eigenen Augen gesehen haben. Neun Jahre ist das mittlerweile her, doch noch immer schildert Daley den Tauchgang so lebhaft, als sei er gestern gewesen. Der Kanadier aus Neufundland hatte damals für ein Team von Unterwasserarchäologen aus den USA und Rußland gearbeitet und die Ausrüstung für die Expedition zusammengestellt. Bei einem der Trips war ein Platz frei - und er durfte mit.

Es war ein exklusives Abenteuer: Seit es 1985 entdeckt wurde, haben nur etwa 200 Menschen das Wrack unter Wasser gesehen. Darunter Hollywood-Regisseur James Cameron, der vor den Dreharbeiten zu seinem Blockbuster "Titanic" insgesamt 35 Mal hinabgetaucht ist. Doch in diesem Jahr wird es auf dem Meeresboden noch lebhafter zugehen. Im April jährt sich der Titanic-Untergang zum hundertsten Mal und das zieht so viele Taucher an wie selten zuvor.

Dafür sorgt nicht zuletzt Larry Daley. Nach seinem eigenen Tauchgang hat er die Firma "Titanic Expeditions" gegründet. Heute organsiert er Titanic-Erlebnisreisen und vermittelt kommerzielle Touren zum Wrack. Zwischen 60 000 und 90 000 US-Dollar kostet das Abenteuer - pro Person. Etwa 80 Passagiere haben dieses Jahr das Abenteuer gebucht. "Es sind Manager darunter, Lehrer, Historiker, Ärzte und sogar Nachfahren von Titanic-Opfern", berichtet Daley.

Auch Renata Rojas wird hinabtauchen. Die Bankerin aus New York wollte schon 2005 zur Titanic, damals wurden die Trips zuletzt angeboten. Doch sie bekam keinen Platz mehr. Sieben Jahre später ist sie auf der Warteliste nach oben gerückt und mit dabei. Mit der Reise wolle sie sich einen Jugendtraum erfüllen und den rund 1500 Opfern der Titanic-Katastrophe ihren Respekt erweisen, sagte sie in einem Interview.

Im Sommer wird sie mit etwa 20 anderen Passagieren in St. Johns auf Neufundland das russische Forschungsschiff "Akademik Keldysh" besteigen, in eineinhalb Tagen bis zur Tauchstelle segeln und dort neun Tage lang ankern. Während dieser Zeit wird sie einmal mit der "Mir 1" in die Tiefe gleiten. Das Meeresfahrzeug ist so eng, dass nur zwei Passagiere und der Pilot darin Platz haben. Es ist eines von sechs auf der Welt, das so tief tauchen kann. Angeheuert wurde es von der australischen Expeditionsfirma "Deep Ocean Adventures", der einzigen, die derzeit noch Titanic-Tauchfahrten für Touristen durchführt.

Bevor die Kapsel ins Wasser gelassen wird, darf jeder Passagier einen Kaffeebecher aus Plastik mit seinem Namen an der Außenwand des Tauchbootes anbringen. Steve Blasco schildert, wie es danach weiter geht. Der renommierte Meeresgeologe arbeitet für die kanadische Regierung und hat das Wrack 1991 mit der "Mir 1" besucht. Er sagt: "Ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut."

Unten angekommen gleitet das Tauchfahrzeug zunächst zum Bug. Er ist relativ gut erhalten und steckt zu zwei Dritteln im Schlamm. Das Promenadendeck, auf dem einst die Passagiere der 1. Klasse flanierten, ist von Mikroben zerfressen. Metallwände sind eingestürzt, die Reling ist mit Rostklumpen überzogen, viele Kabinenfenster stehen offen. In der Nähe des Steuerhauses haben frühere Expeditionen Gedenktafeln und Plastikblumen abgelegt. Das Heck liegt etwa 600 Meter vom Bug entfernt. Drumherum sieht es aus wie nach einer Explosion, überall liegen alte Dampfkessel. Auch eine der Schiffsschrauben ist zu sehen. Der gesamte Meeresboden ist übersät mit Gläsern, Geschirr, Schuhen, Haarbürsten, Flaschen.

Wenn die Tauchkapsel neun Stunden später wieder auf das Mutterschiff gezogen wird, sind die Kaffeebecher an der Außenwand auf die Größe eines Fingerhutes geschrumpft. Das liegt am Druck, der auf dem Meeresboden etwa 370 mal größer ist als in der Atmosphäre. Die Becher sind das einzige Souvenir, das die Passagiere von unten mitbringen dürfen.

Blasco sagt, für ihn sei der Anblick der Titanic ein gerade zu mythisches Ereignis gewesen. "Erst als ich unten ankam wurde mir so richtig bewußt, dass es sich um ein Massengrab handelt." Auch deswegen sind die Tauchgänge sehr umstritten. Der Unterwasserpionier Robert Ballard, der das Wrack entdeckte, wirft den Besuchern vor, Artefakte zu plündern, den Verfall des Wracks zu beschleunigen und die Totenruhe zu stören. Die Veranstalter bestreiten das. Meeresgeologe Blasco mahnt zur Behutsamkeit: "Das Trümmerfeld ist wie ein riesiger Friedhof. Als ich unten ankam hatte ich das Gefühl, eigentlich gehöre ich nicht hierher."

So sehen das mittlerweile auch die Agenturen. Bis zu fünf Ausfahrten der "Akademik Keldysh" sind dieses Jahr noch geplant. Danach soll Schluss sein - für immer. "Die Ausflüge zur Titanic sind ein faszinierendes Erlebnis", meint Veranstalter Daley. "Doch der einhundertste Gedenktag ist auch der richtige Zeitpunkt, um das Kapitel zu schließen und das Wrack ruhen zu lassen."

Ob das wirklich gelingt?

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