Freizeit

von
28. August 2015, 17:10 Uhr

„Was, Sie haben keinen Fernseher? Immer noch nicht?“ Wie oft bin ich ungläubig danach gefragt worden: „Keinen Fernseher?“ Schon damals als junger Pastor auf dem Dorf. Das gehörte offenbar zu den Seltsamkeiten, die mich ausmachten: Dass ich nicht verheiratet war – irgendwann gewöhnte man sich wohl daran. Dass ich die preisgünstige Rahmbutter aus dem Dorfkonsum aß, die mit dem hohen Wasseranteil, war schon unverständlicher. Das Unglaublichste war allerdings, dass ich keinen Fernseher besaß. Meine Antwort seit Jahrzehnten: „Den werde ich mir erst anschaffen, wenn ich im Ruhestand bin, jetzt habe ich keine Zeit zum Fernsehen.“ Und jetzt bin ich seit Jahren im Ruhestand und habe immer noch keinen Fernseher. Interessiert mich denn nicht, was es da alles an interessanten Berichten, Reportagen und Nachrichten gibt? Doch, viel zu sehr. Wenn ich einen Fernsehapparat hätte, würde ich wohl viel zu lange in die Röhre gucken. Ohne Nachrichten vergeht für mich kein Tag. Die Tagesschau um 20 Uhr höre ich im Radio, da gehe ich auch nicht ans Telefon. Habe ich denn immer noch keine Zeit zum Fernsehen? Doch, habe ich. Ich habe viel Zeit. 24 Stunden Tag und Nacht und Jahr für Jahr. Und meine Zeit ist wundervoll gefüllt. Womit? Mit Schweigen z.B., wenn ich auf dem Balkon sitze und in die Wolken gucke oder einer Predigt oder guten Musik lausche. Mit Zuhören und Reden z.B., wenn ich mich mit Freunden treffe, zum Stammtisch gehe oder telefoniere oder Menschen im Hospiz besuche. Mit neuen Eindrücken sammeln, wenn ich Reisen mache. Mit Informationen aufnehmen, wenn ich Zeitung lese. Beim Beten, wenn ich schweige, lausche und höre und mein Leben vor Gott bedenke. Und ich habe viel Zeit, wenn ich nichts tue und nichts plane. Dann bin ich am besten auf die nächste Überraschung vorbereitet. Ja, ich habe viel Zeit, 24 Stunden täglich. Und diese Zeit, die ich täglich habe, erlebe ich wie ein Geschenk. Geschenkte Zeit als Lebenszeit, als Zeit zum Leben. Als Freizeit, die inspiriert und befreit zum Leben. Das macht mich sehr dankbar. Ich danke Gott und bekenne mit alten Psalmworten aus der Bibel: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“



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