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22. November 2017 | 23:26 Uhr

Freiwillige im Dienste der Wissenschaft gesucht

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erstellt am 25.Apr.2012 | 10:37 Uhr

Rostock | Ein wacher Geist gefangen in einem Körper, der zunehmend seinen Dienst versagt - das ist die landläufige Auffassung von Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Die heimtückische Krankheit wurde vor mehr als 150 Jahren erstmals beschrieben - 1869 von dem französischen Nervenarzt Jean-Martin Charcot. "Über 100 Jahre lang dachte man, dass es sich um eine reine Lähmungserkrankung handelte", so der Rostocker Neurologe Dr. Johannes Prudlo. "Doch das stimmt nicht, bei der Erkrankung kann es auch zu einer Störung höherer Hirnfunktionen kommen außerhalb des motorischen Systems, die das Denken, Planen, Verstehen und das Verhalten beeinträchtigt. Fünf Prozent der ALS-Patienten entwickeln sogar eine frontotemporale Demenz." Das heißt, sie verlieren früher erworbene intellektuelle Fähigkeiten in einem Ausmaß, das ihren Alltag beeinträchtigt.

Die frontotemporale Demenz ist von der Alzheimer-Demenz zu unterscheiden und kommt nicht nur in Verbindung mit der ALS vor, do Dr. Prudlo. Gedächtnis- und Orientierungsstörungen stehen, anders als bei der Alzheimer-Demenz, hier nicht im Vordergrund. Vielmehr kommt es zu Veränderungen der Persönlichkeit, zu einem Nachlassen des Urteilsvermögens, des vorausschauenden, problemlösenden Handelns und der Einsichtsfähigkeit sowie zu Verhaltensstörungen.

Mediziner am Standort Rostock/Greifswald des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), einer Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, versuchen seit einem Jahr, zusammen mit Magdeburger Kollegen im Rahmen einer Studie diesem speziellen Aspekt der ALS-Erkrankung auf den Grund zu gehen. Seit kurzem nehmen auch Wissenschaftler des Bonner DZNE-Standortes an dem Verbundprojekt teil.

"Die Studie wird von Rostock aus koordiniert, die erhobenen Daten werden in einer gemeinsamen Web-basierten Datenbank erfasst, deren Server in Bonn steht", so Dr. Prudlo.

Ziel ist es, eine möglichst große Zahl von ALS-Patienten über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Einerseits soll dabei erfasst werden, in welchen Zeiträumen und unter welchen Rahmenbedingungen sich Hirnstrukturen so verändern, dass sich eine Demenz herausbildet. Andererseits wollen die Wissenschaftler herausfinden, warum ein Teil der ALS-Patienten kognitive Störungen entwickelt - ein anderer und, Gott sei Dank der größere Teil, aber nicht.

" Was wir machen, ist keine Therapiestudie, wir erproben also nicht, ob und wie beispielsweise ein neues Medikament wirkt", erläutert Elisabeth Kasper, die in Rostock als Leitende Neuropsychologin die Studie betreut. Der Vorteil für Betroffene, die sich beteiligten, läge in erster Linie in der engmaschigen Kontrolle und Betreuung. "Wer sich entscheidet, bei unserer Studie mitzumachen, tut es in erster Linie für die Wissenschaft - und für spätere Erkrankte", betont Kasper. Studienteilnehmer müssten sich in der Regel vierteljährlich neuropsychologischen Testungen unterziehen. "Auf Wunsch kommen wir dazu auch nach Hause, schließlich sind ALS-Patienten oft in ihrer Mobilität stark eingeschränkt", so die Neuropsychologin. Für andere Untersuchungen wie die regelmäßig erforderlichen Kernspintomographien des Kopfes müssten Studienteilnehmer allerdings in die Klinik kommen - in diesen Fällen kann aber ein Fahrdienst gestellt werden.

Bisher haben sich in Rostock 40 Studienteilnehmer gefunden, in Magdeburg sind es 50. "Wir würden aber gerne wenigstens 150 ALS-Kranke in die Studie einbeziehen", so Elisabeth Kasper. Und: "Wir brauchen auch gesunde Studienteilnehmer, um Vergleichswerte heranziehen zu können. Sie zu rekrutieren ist aber fast noch schwerer als ALS-Patienten zu finden", bedauert sie. Zwar fänden sich relativ viele Akademiker, die sich in den Dienst der Wissenschaft stellen würden, "aber es hat nun mal längst nicht jeder ALS-Kranke einen Hochschulabschluss. Auch für diese Gruppe brauchen wir aber gesunde Kontrollpersonen von vergleichbarer Ausbildung."

Wer - als ALS-Patient oder als Gesunder - an der Rostocker Studie teilnehmen möchte, kann sich telefonisch bei den Psychologinnen Elisabeth Kasper oder Christina Schuster unter den Rufnummern 0381 - 494- 9618 melden.

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