Flucht in die rettenden Häfen

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29. Februar 2008, 09:18 Uhr

Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ ist nur ein Aspekt der sich in der Endphase des Zweiten Weltkrieges abspielenden Infernos in den Ostgebieten des damaligen Deutschen Reiches. Angesichts der näher rückenden Roten Armee machten sich um die Jahreswende 1944/1945 MiIllionen Menschen zu Fuß oder mit Wagentrecks aus Ostpreußen und Pommern auf den Weg nach Westen, dargestellt unter anderem im ZDF-Zweiteiler „Die Flucht“. Die von den sowjetischen Soldaten verübten Gewalttaten, die von der Nazi-Propaganda natürlich ausgeschlachtet und aufgebauscht wurden, verstärkten diesen Exodus. Die Ostsee-Häfen waren besonders Ziel der Flüchtlingstrecks, in der Hoffnung auf den rettenden und schnellen Schiffstransport.

Die improvisierte Evakuierung der Flüchtlingsmassen über den Seeweg durch die Kriegsmarine und die Handelsflotte erscheint angesichts der Katastrophen bei den Versenkungen der „Wilhelm Gustloff“, der „Steuben“ oder der „Goya“ als chaotisches Drama – gilt aber als ausgesprochen erfolgreich: Geschätzte zwei Millionen Menschen seien so über See in Sicherheit gebracht worden und alles anderen hintangestellt worden. So hat es zumindest der damalige Chef der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, nach dem Krieg dargestellt, so ist immer wieder zu lesen. Es wäre die größte Evakuierungsaktion der Geschichte und ein Heldenstück.
Unumstritten ist diese Sichtweise aber nicht: In den Quellen lassen sich auch Belege dafür finden, dass Dönitz – und damit die Marine – bis zu Hitlers Selbstmord am 30. April dem Transport von Soldaten und Material für die kämpfende Truppe stets oberste Priorität einräumte. Dr. Heinrich Schwendemann, Historiker an der Universität Freiburg, macht deshalb eine andere Rechnung auf: Nur rund 800 000 bis 900 000 Flüchtlinge sowie 350 000 Verwundete schafften es über See in die rettenden Westgebiete des Reiches. Und das auch nur, weil Kapitäne, Militärs oder Parteifunktionäre oft genug die Befehle missachteten, schreibt der Historiker in einem Aufsatz aus dem Jahr 2005. Erst am 6. Mai, zwei Tage vor der Kapitulation, habe Dönitz allen Schiffsraum und allen Brennstoff für die Evakuierung der noch festsitzenden Flüchtlinge freigegeben. Wäre dies schon im Januar 1945 geschehen, so Dr. Schwendemann, hätte die Marine nahezu alle Bevölkerung und Soldaten aus den Kesseln an der Ostsee retten können.


Hintergrund



Benannt nach einem Schweriner

Das Schiff „Wilhelm Gustloff“ wurde nach einem vom Nazi-Regime zum Märtyrer stilisierten Parteimitglied benannt – einem Schweriner. Gustloff wurde am 30. Januar 1895 in Schwerin geboren, in der Martinstraße 2. Er lernte Bankkaufmann, brachte es zum Abteilungsleiter, musste aber wegen eines Lungenleidens nicht im Ersten Weltkrieg dienen. Wegen seiner Krankheit siedelte er 1917 in die Schweiz über, lebte in Davos. Er trat 1929 der NSDAP bei und war ab 1932 Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz. Dort verbreitete antisemitische Hetzschriften und warb bis 1936 mehr als 5000 Mitglieder an.
Am 4. Februar 1936 erschoss der Medizinstudent David Frankfurter Gustloff, den daraufhin die nationalsozialistische Propaganda zum sogenannten „Blutzeugen der Bewegung“ ernannte. Das neueste „Kraft durch Freude“-Schiff, das eigentlich „Adolf Hitler“ heißen sollte und seit 4. August 1936 in Bau war, wurde von Hitler persönlich in „Wilhelm Gustloff“ umbenannt. Gustloff selbst wurde in Schwerin feierlich aufgebahrt und am 12. Februar 1936 mit einem Trauerzug und Staatsakt geehrt, dazu reiste sogar Adolf Hitler höchstselbst für eine runde Stunde an, nebst Himmler, Heß und Goebbels.

Die „Gustloff“ vor dem Krieg

Ihre erste Reise machte die „Gustloff“ im April 1938 nach London, bis zum Kriegsausbruch folgten 15 weitere Kreuzfahrten für die Urlaubsorganisation „Kraft durch Freude“ der damaligen Nazi-Einheitsgewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“. Ab 1939 gehörte das Schiff zur Kriegsmarine und diente seit Ende 1940 in Gdingen als Wohnschiff der U-Boot-Lehrdivision.

Der U-Boot-KommandantKorvettenkapitän Alexander Marinesko (1913 bis 1963) kommandierte das sowjetische U-Boot „S13“ und ließ am 30. Januar um 21.08 Uhr aus 700 Metern Entfernung vier Torpedos auf die „Gustloff“ abfeuern, drei trafen. 1990 wurde Marinesko der Orden „Held der Sowjetunion“ verliehen.

Das Wrack

Die „Wilhelm Gustloff“ sank auf der Position 55 Grad, 7 Minuten Nord, 17 Grad, 42 Minuten Ost und ist offizielles Seekriegsgrab.

Der Film

Mehr als zehn Millionen Euro hat es gekostet, die Tragödie ins Fernsehen zu bringen. Die Hauptrollen spielen Kai Wiesinger, Valerie Niehaus, Heiner Lauterbach, Dana Vavrova, Detlev Buck, Karl Markovics, Ulrike Kriener, Michael Menl und Alexander Held. Gedreht wurde in Stralsund, Peenemünde, Hamburg, Leipzig, Malta, Köln und Berlin mit drei Teams, insgesamt wurden 97 Drehtage absolviert, 37 000 Meter Film verbraucht. Teile des Schiffes wurden originalgroß nachgebaut, die Gesamtansicht der „Gustloff“ entstand aber im Computer.

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