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15. Dezember 2017 | 13:21 Uhr

Fehlzeiten durch Aufputschmittel

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svz.de von
erstellt am 22.Aug.2013 | 06:55 Uhr

Der Griff zum Flachmann in der Schreibtischschublade, das Kettenrauchen oder die Einnahme von Aufputschmitteln – Sucht in allen Variationen ist in Deutschland verbreitet. Sie kommt Krankenkassen und Arbeitgeber teuer zu stehen: Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 17 Prozent angestiegen, meldet die AOK. 2,42 Millionen suchtbedingte Fehltage allein im vergangenen Jahr bei Deutschlands größtem Kassenverbund. Allein wegen der Folgen von Alkoholmissbrauch haben AOK-Versicherte an mehr als einer Million Tagen gefehlt. Selbst diese hohen Zahlen seien nur „die Spitze des Eisberges“, sagte Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbandes. Denn oft würden Suchtkranke nicht wegen ihrer Suchtprobleme, sondern unter anderen Diagnosen krankgeschrieben. Der Fehlzeiten-Report 2013, den die AOK gestern in Berlin präsentierte, stand unter dem Titel: „Verdammt zum Erfolg – die süchtige Arbeitsgesellschaft?“

Bei der Berliner Stadtreinigung BSR herrscht die Devise „Null Promille“ während der Arbeitszeit – vom Müllwerker bis zum Chef des 5000 Beschäftigte umfassenden Betriebs gilt das strikte Alkoholverbot. Wer ein Suchtproblem hat, wird angesprochen und erhält Hilfe – teils von Ex-Kollegen, die nach dem Ausscheiden ehrenamtlich weitermachen, erzählt BSR-Präventionsexperte Georg Heidel.

Alkohol ist, so die AOK, für 44 Prozent der suchtbedingten Fehlzeiten verantwortlich. Suchtkranke fehlten durchschnittlich 92 Tage während des vergangenen Jahres, fast drei Mal solange wie bei anderen Diagnosen, bei denen 31 Fehltage anfielen. Die Folgen allein von Alkohol- und Tabaksucht kosten die deutsche Volkswirtschaft laut den Experten alljährlich mehr als 60 Milliarden Euro – ein Fünftel des Bundeshaushaltes.

Aufputschmittel, „Gehirndoping am Arbeitsplatz“, nehmen breiten Raum in der Studie ein. Zwar nehmen nur 1,5 Prozent der Beschäftigten regelmäßig sogenannte Neuroenhancer – Mittel, die die Aufmerksamkeit erhöhen, das Gedächtnis stärken oder die Stimmung verbessern sollen. Doch rechnen die Experten mit einer hohen Dunkelziffer. Um Stresssituationen zu bewältigen, hat laut dem Fehlzeiten-Report auch bereits jeder Zwanzigste der AOK-Versicherten innerhalb des letzten Jahres Medikamente zur Leistungssteigerung eingenommen.

Bei den Jüngeren unter 30 Jahren war es sogar jeder Zwölfte. Stress im Berufsalltag – einer der Faktoren, der Sucht mit verursachen kann. Suchtproblematiken gibt es quer durch alle Schichten und Berufsfelder. Ob bei Journalisten, männlichen und weiblichen Führungskräften oder Arbeitern. Die Wahrscheinlichkeit eines regelmäßigen Alkoholkonsums steigt mit dem Bildungsstand, beim Tabakkonsum ist es genau umgekehrt. Und auch Ärzte – diejenigen, die gegen Sucht helfen sollen - bleiben von Sucht nicht verschont.

„Immer wieder ist es erstaunlich, wie ein hohes Arbeitspensum, schwierige Operationen und volle Praxistermine parallel zu einem Alkoholkonsum von z.B. einer Flasche Wodka am Tag bewältigt werden“, heißt es in dem Report. Während bei suchtkranken Ärzten im Privatleben schnell Störungen auftreten würden, sollen Veränderungen im Arbeitsverhalten bei dieser Gruppe „meist spät – wenn überhaupt“ bemerkbar sein. Alkoholsucht ist unter Ärzten so verbreitet wie in der Allgemeinbevölkerung, so die Autoren. Bei Medikamenten ist die Suchtrate der Mediziner etwas höher, bei Nikotin niedriger als im Durchschnitt.


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