"Faschisten sind immer stark, wenn ihre Gegner schwach sind"

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30. Januar 2013, 10:17 Uhr

Mit Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, sprach Christoph Slangen.

Heute vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Was bedeutet das Datum für Sie?

Graumann: Das war eine schändliche Machtübergabe, eine Kapitulation der Demokratie. Faschisten sind immer stark, wenn ihre Gegner schwach sind. Das galt damals in gewaltigem Ausmaß, es gilt aber auch heute. Wenn man sich nicht wehrt, muss man sich nicht wundern, wenn die Faschisten stark werden.

Waren die Deutschen ein Volk von Tätern?

Ich bin dagegen, von einer Kollektivschuld zu sprechen, aber es gab hunderttausendfach individuelle Schuld. Man darf auch nicht vergessen, dass die Eliten in diesem Land sehr schnell zu den Nazis übergelaufen sind. Die akademischen Eliten, Professoren, Ärzte, Juristen, haben bei den Nazis Anschluss gesucht. Deswegen denke ich auch immer: Bildung ist kein Allheilmittel. Bildung schützt auch vor Faschismus nicht.

Hat Deutschland die Lektion aus der Nazi-Diktatur gelernt?

Der "Staat" hat gelernt, die Menschen auch. Die führenden Politiker haben gewiss eine große Sensibilität. In Deutschland hat man sich mit der Vergangenheit auseinander gesetzt wie in keinem anderen Land der Welt. Nirgendwo war es auch so nötig.

Und dennoch sind Neonazis ein Problem in Deutschland. Befürworten Sie ein NPD-Verbotsverfahren?

Wir brauchen das NPD-Verbotsverfahren. Bundesregierung und Bundestag sollten sich einem Verfahren des Bundesrates rasch anschließen. Wenn man nach einjähriger Prüfung aufgeben würde, wäre das ein sofortiger und allzu billiger Triumph für die Rechtsextremisten. Es geht um ein politisches Zeichen, dass die Demokratie einig, geschlossen und entschlossen gegen ihre Feinde agiert. Polizisten sollen ihre Wochenenden nicht opfern müssen, um Neonazi-Aufmärsche überwachen zu müssen. Steuergelder dürfen nicht mehr missbraucht werden, um braunes Gift zu finanzieren: Genug ist genug!

Wo sehen Sie Handlungsbedarf gegen braunen Spuk?

Es wird viel über die Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums und den schlimmsten antisemitischen Äußerungen diskutiert. Wenig beachtet wurde dabei: Auf Platz vier waren europäische Fußballfans zu finden. Das ist so verkehrt nicht. Ich bin ein Fußballfan, da macht es mir erst recht Sorgen, was sich in Stadien abspielt. Es ist ein Ventil, um Faschismus, Rassismus und Antisemitismus zu transportieren.

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