Falscher Kurs

Heinz Schön (rechts) neben  dem Hauptdarsteller  des ZDF-Zweiteilers, Kai Wiesinger Fotos: ZDF
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Heinz Schön (rechts) neben dem Hauptdarsteller des ZDF-Zweiteilers, Kai Wiesinger Fotos: ZDF

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04. März 2008, 11:30 Uhr

Ganz großes Fernsehen sollte es werden und die prominenten Darsteller überschlugen sich in den Trailern mit Elogen auf den "Antikriegsfilm", auf die "Vielschichtigkeit der Rollen" und den Film "Die Gust loff", der einer vergessenen Episode des Zweiten Weltkriegs endlich Gerechtigkeit widerfahren lasse. Gestern lief im ZDF der erste Teil, heute folgt das Finale. Wird die an die realen Vorgänge angelehnte Verfilmung all dem Vorab-Lob gerecht? Nein, leider nicht. Das Drehbuch steuert einen falschen Kurs.

Joseph Vilsmaier hat große Filme gedreht und die Geschichte besonders der "kleinen Leute" hat ihn immer wieder gereizt ("Herbstmilch", "Rama Dama"), ebenso wie der Zweite Weltkrieg ("Stalingrad") und der Holocaust ("Der letzte Zug"). Mit der Versenkung der "Wilhelm Gustloff", bei der 1945 mehr als 9000 Menschen ertranken, hat sich der Regisseur nun eines der aus deutscher Sicht schrecklichsten Einzelereignisse des Krieges als Stoff für einen ZDF-Zweiteiler gewählt.

Flüchtlings-Inferno als Hintergrund für einen Thriller

Viele Details der Vorgeschichte der Versenkung sind bis heute ungeklärt. Warum setzte die Gustloff plötzlich Positionslichter? Warum lag das U-Boot genau dort auf der Lauer? Wer den Film guckt, weiß es: Der Funkmaat (Detlev Buck), der Saboteur! Er ist schuld, die von ihm gefälschte Kollisionswarnung lässt einen der Kapitäne Positionslichter setzen und ermöglicht es dem lauernden sowjetischen U-Boot so, das Schiff zu versenken. Kaum ertappt, erschießt der Funker sich. So einfach machen es sich Regisseur Joseph Vilsmaier und Drehbuch-Autor Dr. Rainer Berg.

Das ist leider nur einer der irritierenden Aspekte des Filmes. Eine "schonungslose Parabel auf die Sinnlosigkeit des Krieges" hat eine Schauspielerin den Film genannt. Ja, das hätte daraus werden können. Es wurde aber eine Geschichte, in der Krieg und Flüchtlingsinferno nur den wohlfeilen Hintergrund für eine süßliche Liebesgeschichte, ein Brüder-Drama und eine Thriller-Handlung um einen Verräter abgeben. Die Flüchtlinge, die eigentlichen Opfer, bleiben mit Ausnahme der Figuren Lilly Simoneit (Dana Vavrova), Kalli Simoneit (Willi Gerk) und Marianne Erdmann (Anja Knauer) seltsam gesichtslos, fast alle Hauptrollen tragen Uniform. Ortsgruppenleiter Escher (Alexander Held) denkt nur an Schnaps und das angemessene Zelebrieren der Feiertage der Nazi-Ideologie - eine Karikatur.

Korvettenkapitän Petri (Karl Markovics) erzählt zwar Hitler-Witze, will aber seine U-Boot-Mannschaften schnell an die Front bringen, an der er selbst versagte. Petri erinnert den Zuschauer mit seinem vergötterten Schäferhund, den er nach der Torpedierung erschießt, sicher nicht zufällig an den "Führer". Aber da ist ja noch der verkrüppelte Korvettenkapitän Leonberg (Francis Fulton-Smith), ein Offizier mit Herz und Gewissen.

Und natürlich Kai Wiesinger als Zivilkapitän Hellmut Kehding, der die "Gustloff" fahren soll. Er ist vollendet sympathisch, eine reinrassige Heldenfigur, ebenso seine Verlobte, die Marinehelferin Erika Galetschky (Valerie Niehaus). Unerträglich macht den Zweiteiler das geradezu süßliche Happy End. Kapitän Kehding wird gerettet, bekommt von einer sterbenden Mutter ihr Neugeborenes in den Arm gedrückt, sagt dem miesen Marinebonzen Petri, der natürlich überlebt hat, noch mal die Meinung, lässt sich vom guten Marinehelden Korvettenkapitän Leonberg beruhigen, darf dann seine ebenfalls gerettete Liebste in die Arme schließen. Laut Abspann wird er noch Zehntausende Flüchtlinge in Sicherheit bringen.

Im Happy End steckt noch ein schwerer wiegendes Ärgernis: Das Waisenkind aus dem Rettungsboot tauft Kapitän Kehding nach seinem Bruder "Harald". Wohlgemerkt: Harald Kehding ist, dargestellt von Heiner Lauterbach, Kapitänleutnant der Marine, jagt in Gotenhafen vermeintliche Saboteure, lässt ein junges Paar foltern und im feuchten Keller erschießen. Er ist eine überzeugend vielschichtige Figur: Ein mit dem Ritterkreuz dekorierter, verbitterter, verwundeter Ex-Unterseebootheld, der wahrscheinlich längst nicht mehr an den Sieg glaubt, aber wie sein Marinechef Karl Dönitz treu zum Regime steht.

Weil "Pflicht" für solche Soldaten hieß: Aussichtsloser Kampf bis zum Ende, und wer nur leise Zweifel äußert, kommt an die Wand oder den Galgen. Solche Offiziere, denen die Matrosenmeuterei von 1918 als Trauma in den Knochen steckte, gab es viele. Dass Regisseur und Drehbuchautor aber gerade so einer Figur mit der Namensgebung für das Waisenkind postume Absolution erteilen, schmeckt bitter, besonders angesichts der Tatsache, dass bei dem Seedrama Holocaust und Kriegsverbrechen unbeachtet an Land zurückbleiben. Der Film macht es sogar noch schlimmer.

Eine Figur ist erst Mörder, dann Held
Die zuerst abschreckenden Züge der Figur des Harald Kehding - die neurotische Jagd nach "Saboteuren", die Gnadenlosigkeit, die "harten Methoden" - werden vom Film implizit legitimiert. Dann nämlich, wenn sich herausstellt, dass mit dem Funkmaat tatsächlich ein Saboteur an Bord ist und der Film dieser Figur eine Hauptschuld in die Schuhe schiebt. Einen "Antikriegsfilm" ankündigen und dann so einen versteckten Subtext servieren, das ist, ob gewollt oder aus Fahrlässigkeit, eine Unverschämtheit. "Die Gustloff", Teil 2, Montag, 20.15 Uhr, ZDF

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