Extra : Falsche Abschlüsse, falsche Titel – und viele sehen weg

Wie eine Krankenschwester aus Wismar als Lehrerin durch vier Bundesländer zog und wie ein SED-Funktionär als Honorarkonsul im Schloss residierte

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08. August 2016, 21:00 Uhr

Manche Hochstapler leiden unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und wollen einfach mehr Aufmerksamkeit, manche tun es aus Lust an der Lüge – aber alle befinden sich in einem Teufelskreis.

Die Essener SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz war keine Juristin, sie hatte weder ein Studium absolviert noch Abitur abgelegt. Aber all das hatte die Politikerin seit Jahrzehnten behauptet und war damit sogar im Bundestag gelandet. Es hätte nur einen Ausweg gegeben: die Wahrheit. Sie hätte aber zum totalen Ansehensverlust geführt, was letztlich auch geschah. Nicht anders ging es auch der falschen Lehrerin Maud M. aus Wismar, deren unendliche Geschichte mit einem gefälschten Lehrerstudium mit angeblichem DDR-Diplom 1990 begann und 2015 vor einem Gericht in Kiel endete.

Die falsche Kunst- und Deutschlehrerin stand in MV, in Brandenburg und Berlin vor Klassen. Sie hatte an Gymnasien in Mölln und Lübeck unterrichtet. Immer wieder wurde ihre Befähigung angezweifelt, immer wieder konnte sie weiterziehen, weil Schulämter schwiegen und sie weiter log. Die Unstimmigkeiten in ihren Unterlagen fielen im Bildungsministerium in Kiel erst auf, als ein Möllner Gymnasialdirektor 2010 die Schulaufsicht einschaltete. Trotz laufender Ermittlungen bewarb sie sich an der Regionalschule in Lübstorf, wo sie im Sommer 2013 als Betrügerin aufflog. Und auch danach bemühte sich die 48-Jährige bei einer Privatschule in Schwerin um einen Job. Die Bewerbung wurde ihr – auch wenn sie erfolglos blieb – leicht gemacht. Statt Strafanzeige wegen Betruges zu stellen, hatte die Schulverwaltung Maud M. quasi „in allen Ehren“ per Aufhebungsvertrag entlassen. In ihrem Geständnis sagte die gelernte Krankenschwester : „Ich wollte schon seit meiner Kindheit Lehrerin werden.“ Jetzt muss sie Hunderttausende Euro Lehrergehalt nachzahlen.

Auch der ehemalige SED-Funktionär Dieter O. schaffte es über Jahre hinweg, Bekannte und Geschäftspartner mit einem falschen Titel zu täuschen und sie um mehr als 100 000 Euro zu betrügen. O. hatte sich von 2009 bis 2012 als Honorarkonsul für das Königreich Jordanien aus und pflegte einen fürstlichen Lebensstil. Der Schwindler residierte mehrere Jahre auf Schloss „Cosa“ bei Friedland. Für gute Bekannte richtete er in dem Herrenhaus aus roten Backstein mit rund 500 Quadratmetern Wohnfläche und 2,6 Hektar großem Anwesen opulente Empfänge aus.

„Er hat einen Hang zur orientalischen Fantastik“, sagte Staatsanwalt Klaus Oerters gegen O. im Gerichtsprozess. Der Rentner mit dem falschen Titel hatte seine Geschäftspartner übers Ohr gehauen. Er leimte sie mit der Ankündigung, dass jordanische Geldgeber rund eine Million Euro in eine weltweit agierende Friseurkette investieren wollten. Für eine Friseurkette aus Brandenburg klang das so verlockend, dass sie in das haarige Geschäft mit einsteigen wollte und Geld im Voraus gab. Doch aus dem Deal wurde nichts. Die Brandenburger wollten ihr Geld zurück haben. Ein Gerichtsvollzieher versuchte vergeblich die Summe vom Schlossherrn einzutreiben. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Da flog der Schwindel auf. Es folgte ein Rechtsstreit durch drei Instanzen, der sich über fast vier Jahre hinzog. Wegen gewerblichen Betruges und Titelmissbrauch wurde der falsche Diplomat zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt.

Das letzte Kapitel in dem bizarren Fall wurde erst im Februar dieses Jahres geschlossen: Dieter O. trat den Weg ins Gefängnis an.

Stefan Koslik/Udo Roll

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