Fall Antje: Lebenslange Haftstrafen

Die 15 Jahre alte Antje Struck wurde im Juli 1996 ermordet.
1 von 2
Die 15 Jahre alte Antje Struck wurde im Juli 1996 ermordet.

von
18. Januar 2008, 03:30 Uhr

Rostock - Ein Mädchen wird ermordet, doch viele, die bei der Aufklärung der Tat helfen könnten, schweigen. Vor elfeinhalb Jahren wurde in Rostock die 15-jährige Antje auf dem Nachhauseweg von einer Disco abgefangen, vergewaltigt und erwürgt. Am Freitag wurden dafür zwei Männer russischer Abstammung, die damals als Übersiedler in Rostock lebten, vom Rostocker Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie verweigerten vor Gericht die Aussage, ihre Verteidiger werden das Urteil anfechten. Das eigentlich Erschreckende an dem Indizienprozess war für die Beobachter aber vor allem eines: Es gab genügend Zeugen, vor denen sich die jetzt Verurteilten mit der Tat brüsteten, aber niemand von ihnen ging zur Polizei.

Keine restlose Aufklärung
Ist für das Gericht die Täterschaft der beiden heute 32 und 39 Jahre alten Männer auch zweifelsfrei bewiesen, wird das Verbrechen wohl nie lückenlos aufgeklärt werden können. Fest steht, dass in jener Sommernacht im Ausländerwohnheim in Rostock viel getrunken wurde, bevor sich Eduard I. nachts auf den Weg zu einem Bekannten machte. Auf einer Fußgängerbrücke traf er auf Antje, die dem körperlich überlegenen 20-Jährigen hilflos ausgeliefert war. Er zerrte sie in ein Gebüsch, schlug, vergewaltigte und würgte sie. Später kam er mit einem Freund, dem heute 39-jährigen Aleksej K., zurück zum Tatort, um Spuren zu beseitigen. Dabei bemerkten sie, dass Antje offenbar noch lebte, und erdrosselten sie. Sie wischten den Oberkörper des Mädchens mit Sand ab und stachen mit einem Stock in den Unterleib des Mädchens und mit einer Gabel in den Hals.

Mit Tat geprahlt
Die bestialisch zugerichtete Leiche war selbst für den routinierten Gerichtsmediziner zu viel, der während des Prozesses zu den Verletzungen des Mädchens befragt wurde. So etwas habe er noch nicht gesehen, gestand er. Von der Tat berichteten die beiden Männer mal prahlerisch, mal schuldbewusst mehreren Mitbewohnern des Heimes wie auch später Mithäftlingen. Aleksej K. saß bereits mehrfach im Gefängnis, in einem Fall auch wegen Vergewaltigung.

Jahrelanges Schweigen einiger Zeugen
Mindestens ein halbes Dutzend Frauen und Männer gestanden während des Prozesses, dass sie Zeugen vom Hörensagen seien. Der entscheidende Tipp, der den Fall erst vor zwei Jahren wieder ins Rollen brachte, kam ebenfalls aus diesen Kreisen. Für das jahrelange Schweigen der Zeugen hatte das Gericht kein Verständnis, „aber wir können froh sein, dass es jetzt gebrochen wurde“, sagte der Richter. Möglicherweise sei eine „gewisse landsmannschaftliche Verbundenheit“ Grund gewesen, die Männer nicht zu verraten, vielleicht aber auch die Angst vor der öffentlichen Geißelung, wenn herausgekommen wäre, dass Spätaussiedler für den Mord an einem deutschen Mädchen verantwortlich seien.

Innovative DNA-Untersuchung brachte Ermittlungserfolg
Mehr als zehn Jahre tappten die Ermittler im Dunkeln. Erst mit neuer Technik nochmals ausgewertete Spuren brachten sie auf die Fährte von Eduard I. Seit dem Verbrechen lebte er unbescholten in Bremen, hat Frau und Kinder sowie einen festen Arbeitsplatz. Seine DNA-Spuren wurden auf der Hose von Antje, auf ihrem Körper sowie auf einer Bierdose am Tatort gefunden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sei er deshalb auch einer der Täter, begründete das Gericht sein Urteil. Aleksej K. hinterließ nicht solch eindeutige Spuren, ihm wurden aber die Prahlereien vor Bekannten zum Verhängnis. Einen Rachefeldzug der vielen Zeugen gegen den als brutal und größenwahnsinnig beschriebenen Mann schloss das Gericht aus. Dagegen spreche die Vielzahl der Zeugen, die allesamt detailreich von dem Verbrechen erzählt hatten.

Der Richter verurteilte die erschreckende Brutalität gegen ein hilfloses Mädchen und stellte vor allem bei dem älteren Mann moralische Verkommenheit und innerliche Verwahrlosung fest. Wegen der besonderen Schwere der Schuld wird Aleksej K. nach 15 Jahren nicht ohne weiteres mit Entlassung rechnen können. Zunächst bleiben beide Verurteilten in Untersuchungshaft, die Anwälte kündigten aber noch im Gericht Revision an. Es bleibe ein Indizienprozess, nichts weise auf die Täterschaft der beiden Männer hin. Man rechne mit einem schnellen Urteil des Bundesgerichtshofes, der das Urteil kassieren werde, sagte einer der Verteidiger.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen