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21. November 2017 | 11:26 Uhr

Experte: Inklusion kann kein Allheilmittel sein

vom

Die Inklusive Pädagogik findet in MV derzeit großen Anklang. In Trollenhagen bei Neubrandenburg gibt es heute eine Fachtagung zum Thema. Dennoch regt sich auch Kritik. Da rüber sprach Caroline Liebow mit dem Münchner Professor Dr. Kurt Heller.

svz.de von
erstellt am 30.Mär.2012 | 08:35 Uhr

Professor Heller, was genau kritisieren Sie an der inklusiven Pädagogik?

In der aktuellen Diskussion wird der Inklusionsbegriff immer weiter ausgeweitet und geradezu als pädagogisches Allheilmittel propagiert. So wird hierzulande von den Einheits- oder Gesamtschulen damit der "Durchbruch" gegenüber dem gegliederten Sekundarschulsystem erhofft. Und das obwohl die internationalen Schulstudien wie die PISA-Untersuchung beim sogenannten längeren gemeinsamen Lernen, über die vierjährige Grundschulzeit hinaus, Leistungs- und Sozialisationsnachteile dieser Schulformen nachwiesen. Weder konnte in den einschlägigen Studien eine Verringerung der Heterogenität bei gleichzeitiger optimaler Leistungsförderung aller Schüler bestätigt werden, noch haben sich die von Einheitsschulsystemen vielfach erhofften Sozialisationsvorteile gegenüber dem gegliederten Sekundarschulsystem erfüllt. Bisher liegen keine belastbaren wissenschaftlichen Forschungsbelege für die Annahmen der Inklusionspädagogik vor.

Was denken Sie über die Inklusion im Hinblick auf die Sonderpädagogik?

Die Erwartungen an die Inklusionspädagogik im sonderpädagogischen Bereich sind nach meiner Einschätzung ebenfalls stark überzogen. Als ausgebildeter Sonderschullehrer für Gehörlosen-, Schwerhörigen- und Sprachheilpädagogik, mit mehrjähriger Praxiserfahrung in diesen Feldern, sowie zeitweise auch als Dozent für Blindenpsychologie bin ich eher skeptisch eingestellt gegenüber dem "Allheilkonzept Inklusion". Am ehesten dürften sozialpädagogische Effekte bei Sprachgeschädigten, Schwerhörigen und Verhaltensgestörten zu erwarten sein, sofern entsprechendes "Teamteaching" im Klassenzimmer ermöglicht wird. Positive Einzelbeispiele zur Schulpraxis hierzu können so lange nicht verallgemeinert werden, wie der entsprechend erforderliche personelle und sächliche Mehraufwand nicht flächendeckend zur Verfügung steht. Eine Inklusion extrem Sinnesgeschädigter oder gar stark Lernbehinderter dürfte mehr Nach- als Vorteile für die betroffenen Schüler mit sich bringen.

Was ist denn das Ziel der inklusiven Pädagogik?

Die Inklusionspädagogik zielte ursprünglich darauf ab, eine getrennte Erziehung und (Aus-)Bildung von behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen abzuschaffen. Damit war und ist die Hoffnung verbunden, unerwünschten Vorurteilen gegenüber Behinderungen beziehungsweise Stigmatisierungseffekten vorzubeugen. Ähnliche Befürchtungen sind übrigens auch gegenüber der Hochbegabtenförderung in der Öffentlichkeit verbreitet.

Woran liegt das?

Offensichtlich fällt es vielen schwer, Verschiedenheit oder Heterogenität zu akzeptieren. Dabei wissen die meisten sehr wohl um die Verschiedenheit des Menschen. Ungleichheit bedeutet aber nicht automatisch Ungerechtigkeit. In der Pädagogik wird deshalb heute vielfach "Individualisierung" des Unterrichts oder der Erziehung gefordert.

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