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24. Oktober 2017 | 11:49 Uhr

Es waren einmal zwei Brüder...

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erstellt am 19.Dez.2012 | 10:16 Uhr

Kassel | Sie sind längst gestorben, und dennoch lesen wir sie noch heute - die Brüder Grimm. Beziehungsweise ihre Märchen: Am 20. Dezember 1812, morgen vor 200 Jahren, brachten die beiden Philologen Jacob und Wilhelm Grimm die erste Ausgabe ihrer "Kinder- und Hausmärchen" heraus. Und während die späteren Werke der beiden Brüder heute nur noch Fachleuten geläufig sind, kennt jedes Kind "Hänsel und Gretel". Oder "Schneewittchen". Oder "Rotkäppchen". Oder "Rapunzel". Oder "Der gestiefelte Kater"…

"Märchen sind kurze und einprägsame Geschichten. Es gibt zwei Aspekte: Zum einen Wundergeschichten, das ist ein Ausflug in die Fantasie. Oder Geschichten, die den Alltag abbilden: Patchworkfamilien, Trennung und Wiedervereinigung, Auszug in die Welt, Probleme zwischen Alt und Jung", sagt der Märchenforscher Hans-Jörg Uther im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Uther ist wissenschaftlicher Beirat der Brüder Grimm-Gesellschaft in Kassel. Auch der Rostocker Philosoph und Wissenschaftler Dr. Hans-Jürgen Stöhr sagt: "Es steckt ein Stück Lebensweisheit darin. Märchen reflektieren die Lebenswirklichkeit des Menschen, verpackt in Metaphern und Figuren."

Damals, vor 200 Jahren, war die ernsthaft wissenschaftliche Beschäftigung mit Märchen neu. Wie überhaupt die akademische Arbeit über deutsche Sprache. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden alt- und mittelhochdeutsche Dichtungen wiederentdeckt, etwa die Romane Hartmann von Aues (um 1200) oder das "Nibelungenlied" (um 1250). Auch Jacob und Wilhelm Grimm gehörten mit ihrem Märchenprojekt zu den Begründern der "Germanistik". Ursprünglich hatten die beiden Juristen die Märchen und Lieder seit dem Jahr 1806 für Clemens Brentano gesammelt, der sie aber nicht in der Volkslied-Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" verwendete.

Die Brüder machten auf eigene Faust weiter: Der schließlich am 20. Dezember 1812 erschienene Band eins der Erstausgabe enthielt 86 Märchen, 1815 erweiterte Band zwei den Kanon auf 166 Stücke. Alles, so betonten die Brüder in ihrem Vorwort, "ist mit wenigen bemerkten Ausnahmen fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Ueberlieferung gesammelt".

So ganz exakt war das nicht: Auf rund 50 Personen schätzen Literaturwissenschaftler heute die Zahl der Zulieferer für das Märchen-Projekt, und der Kreis war nicht auf Hessen beschränkt. Die Grimms werteten auch schriftliche Quellen aus, und die meisten Märchenerzähler stammten nicht "aus dem Volk", sondern waren gebildete Frauen oder auch Männer, darunter die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Die beiden niederdeutschen Märchen "Von dem Fischer un syner Fru" und "Vom Machandelboom" zum Beispiel steuerte der in Wolgast geborene Maler Philipp Otto Runge bei.

In der Gastwirtstochter Dorothea Viehmann fanden die beiden Grimms später ihre "Märchenfrau". Sie lernten die mit einem phänomenalen Gedächtnis gesegnete Viehmann kurz nach dem Erscheinen des ersten Bandes der Märchen kennen. Die Bekanntschaft währte nur zwei Jahre, bis zu Viehmanns Tod 1815 konnten die Grimms aber rund 40 Märchen aufzeichnen. In späteren Ausgaben ehrten sie die Erzählerin mit einer großen Abbildung.

Die "Kinder- und Hausmärchen" sollten unverfälschtes Volksgut sein. "Kein Umstand ist hinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden", beteuern die Brüder Grimm in der Vorrede zur ersten Auflage. Das galt aber bald nicht mehr. Über Jahre und Jahrzehnte beschäftigte sich vor allem Wilhelm Grimm mit den neuen Ausgaben und Auflagen der "Kinder- und Hausmärchen", fügte Geschichten hinzu, tauschte Teile aus. Schon bei der zweiten Auflage verschwanden einige Märchen, die auf französische Vorbilder zurückgehen, wie die Serienkiller-Geschichte "Blaubart" oder "Der gestiefelte Kater". Die Brüder Grimm redigierten später auch kräftig: Vor allem die in den Erstfassungen der Märchen enthaltene drastischen Spuren von Sexualität und Gewalt wurden nach und nach geglättet. Den wissenschaftlichen Kommentar-Teil trennten die Grimms ab. In den Augen vieler Literaturwissenschaftler war das Sammeln von angeblich unverfälschten Volksmärchen bei den späteren Auflagen nur noch eine dem nationalromantischen Zeitgeschmack geschuldete Pose. Die "Kinder- und Hausmärchen" wurden vom literaturhistorischen Sammel-Projekt zum Bestseller. In mehr als 170 Sprachen ist die Sammlung übersetzt worden, gelesen werden sie bis heute.

"Märchen sind über die Jahrhunderte überliefert worden, nicht nur in unserer Kultur", sagt Philosoph und Märchenexperte Stöhr. Die Spannungsfelder gut/böse, Gier/Großzügigkeit, Liebe/Hass oder Scheitern/Erfolg seien es, aus denen Märchen ihre bis heute unverbrauchte Kraft beziehen. Kindergeschichten seien sie ursprünglich allerdings nicht alle gewesen: "Manche sind schon von besonderer Brutalität geprägt." Geschichten für die dunkle Jahreszeit seien das, die sich die Erwachsenen erzählt haben.

Hans-Jürgen Stöhr stellt in seiner "Philosophischen Praxis" auch Märchen in den Mittelpunkt. "Heute sind wir mit Psychologie und Philosophie in der Lage, tiefer in die Märchen hineinzugehen", sagt Stöhr. Im "Froschkönig" stehe etwa die goldene Kugel, der vollkommene Körper, für das vollkommene Leben, für die heile Welt. Der Brunnen dagegen repräsentiere den Abgrund des Unterbewussten. Und die Prinzession müsse mit dem Verlust der heilen Welt leben lernen. So gelesen, ist "Der Froschkönig" eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Stöhr: "Man kann Märchen verstehen und mit ihnen auch das Leben."

Obwohl die Märchen immer gut ausgehen.

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