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20. September 2017 | 20:19 Uhr

Kommentar : Es war wohl doch nicht alles besser

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Zusammenhalt in Ostdeutschland wächst, ist aber schlechter als im Westen / Das deckt sich kaum mit dem Lebensgefühl vieler Menschen.

von
erstellt am 12.Mai.2014 | 20:30 Uhr

Wem nützt dieser „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“? Die Bertelsmann-Stiftung meint damit „zu einer gesellschaftlichen Debatte beitragen“ zu können.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt, so räumen die Bertelsmänner ein, sei ein schillernder Begriff. Eine Gesellschaft mit starkem Zusammenhalt zeichne sich durch enge soziale Beziehungen, emotionale Verbundenheit und ausgeprägte Gemeinwohlorientierung aus. Danach zu fragen sei wichtig, denn die westlichen Gesellschaften stünden vor He-rausforderungen, die Vielen als Bedrohung erscheinen: Zur Wirtschafts- und Finanzkrise kämen Trends wie Globalisierung, wachsende Ungleichheit, Einwanderung und wachsende religiöse wie ethnische Diversität.

Die Studie aggregiert und interpretiert lediglich Datensätze, etwa der Statistischen Ämter. Und zwar in vergleichbarer Weise, wie es für die Jahre 1989 bis 2012 schon für 34 Länder der EU, Amerikas und Australiens getan wurde. Also insofern international vergleichbar.

Das Ergebnis wird in Ostdeutschland dennoch Widerspruch wecken, denn bisher galt hier der Glaubenssatz: Der Osten war dank Mangel und Abschottung viel solidarischer. So auch 1995 bestätigt vom Chef des Bielefelder Emnid-Instituts, Klaus-Peter Schöppner, in der Berliner Zeitung: „Für 89 Prozent war der Zusammenhalt früher stärker, nur für zwei Prozent hat sich die Lage positiv verändert.“ Er konstatierte aber auch schon, das sozialkommunikative Netz aus Familie und Freunden gehe verloren. „Egozentrik setzt sich nun auch in Ostdeutschland immer stärker durch.“

Hängen geblieben ist meistenteils nur die Ausgangsthese. Hängen wir also einem ostalgischen Klischee nach? Offensichtlich jedenfalls hat sich binnen 25 Jahren grundlegend etwas verändert.

Unstrittig ist, dass die individualisierte, von Konsum und Materialismus dominierte Gesellschaft weniger kuschelig ist als eine gleichmacherische Mangelgesellschaft. Zusammenhalt meint aber heute etwas anderes als das solidarische Zusammenrücken gegenüber dem ideologisierten Staat. Letztlich sollen solche Studien ja nicht irgend welche Gruppen stigmatisieren, sondern Anstößße für Lösungen bieten.

Bedauerlich ist, dass gesellschaftliche Realität Ost jenseits solcher Studien oft ignoriert wird: Dort, wo Zusammenhalt fehlt, füllten seit Jahren offensichtlich Extremisten das Vakuum. Wo Geld statt in Studien in Projekte für die Weckung von Gemeinsinn fließen, ist dem Zusammenhalt mehr gedient als mit rabiaten, aber wohlfeilen Forscher-Thesen.

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