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12. Dezember 2017 | 03:55 Uhr

"Es war nur eine Frage der Zeit"

vom

Die Hintergründe des Angriffs auf die Touristengruppe in Äthiopien bleiben unklar. Sicher ist nur: Fünf Europäer - davon zwei Deutsche - wurden erschossen. Zwei weitere Deutsche sind noch verschollen. Spurensuche in der Danakil-Wüste.

svz.de von
erstellt am 19.Jan.2012 | 07:17 Uhr

Addis Abeba | Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Katastrophe geschah. Auf der Suche nach schnellem Geld hielten manche windige Veranstalter bei Touren in die gefährliche äthiopische Danakilwüste offenbar kaum Sicherheitsmaßnahmen ein, riskierten so das Leben ihrer Kunden. Bei einem Überfall auf mehrere Tourgruppen wurden am Dienstag fünf Touristen erschossen, darunter zwei Deutsche. Mindestens zwei Deutsche, weitere Touristen und äthiopische Begleiter befinden sich vermutlich noch in der Hand der Geiselnehmer.

"Es hätte genau so gut uns erwischen können. Wir wären völlig wehrlose Opfer gewesen. Wenn ich daran denke, wird mir jetzt noch ganz anders", sagt Barbara Lengricht. Seit eineinhalb Jahren lebt die Programmplanerin aus Berlin in Mekele im Norden Äthiopiens. Die Stadt ist der Ausgangspunkt aller Danakil-Touren. Am Heiligabend brach sie mit ihrem Mann, einem deutschen Gründungsdirektor eines äthiopischen Technologieinstituts, zum fünftägigen Abenteuertrip auf. "Als wir die Tour buchten, sagte man uns, wir seien zu viert. Plötzlich waren wir aber neun Touristen aus Deutschland, Spanien, Italien und Amerika. Trotzdem sollten wir den gleichen Preis zahlen. 750 Dollar pro Person", erzählt die 47-Jährige. Doch die Kosten waren nicht das Hauptproblem. Weil die drei Geländewagen mit Touristen, Fahrern und Reiseleitern voll besetzt waren, war an Bord kein Platz mehr für die obligatorischen bewaffneten lokalen Führer. Die Gruppe brach lediglich mit einem äthiopischen Polizisten in das gefährliche Grenzgebiet zu Eritrea auf. "Auf den Vulkan Erta Ale begleitete uns nur ein älterer Herr, der einen Stock über der Schulter trug", erzählt Barbara Lengricht.

Als diese Zeitung gestern beim äthiopischen Veranstalter, bei dem Barbara Lengricht ihre Tour buchte, anrief, bot ein Mitarbeiter an: "Wir können nächste Woche in die Danakil fahren. Die Sicherheit ist kein Problem." Eine deutsche Sprecherin des selben Unternehmens wies später daraufhin, dass jede Reisegruppe von mindestens fünf schwerbewaffneten lokalen Bewachern begleitet werden muss und mutmaßte, dass die am Dienstag überfallene Gruppe offensichtlich an der Sicherheit gespart habe, die Angreifer sie sich deshalb als leichte Beute ausgewählt haben. Auch beim Veranstalter, der den Katastrophen-Trip organisierte, fragte unsere Zeitung nach. Die Antwort: "Ich habe keine Ahnung, ob und wieviele bewaffnete Begleiter bei der Gruppe waren. Das wird spontan in der Wüste geregelt."

Ein Verfahren, das die Veranstalterin, mit der Barbara Lengricht unterwegs war, als "sehr undurchsichtig" schildert. "Die Ältesten entscheiden, wieviele Bewacher mitkommen", sagt die Deutsche. Dass Barbara Lengrichts Gruppe gar nicht begleitet wurde, kann sie sich "irgendwie gar nicht vorstellen". Allerdings bezweifelt die Veranstalterin ohnehin die Qualifikation der Wachleute: "Ich weiß nicht, ob die irgendein Wissen über ihre Waffe haben und ausgebildet sind. Mit deutschen Standards ist das sicher nicht zu vergleichen."

Als Barbara Lengricht ihre Reise bei dem in vielen Reiseführern empfohlenen Reiseanbieter buchte, ahnte sie nicht, wie ahnungslos der Anbieter war, dem sie ihr Leben anvertraute. Sie ahnte auch nicht, dass ihr völlig unerfahrener Fahrer während der Tour Fahrstunden erhalten sollte und dass sie und ihre Begleiter in der Wüste regelmäßig das Auto anschieben würden müssen, weil die Batterie leer war.

Geschichten wie diese lassen einem renommierten Tourveranstalter aus Addis Abeba erschaudern. "Es gibt in der Branche sehr viele schwarze Schafe, die nur auf schnelles Geld aus sind und die Sicherheit ihrer Kunden aufs Spiel setzen", sagt der Reiseanbieter, der aus Angst vor dem Unbill seiner Konkurrenten nicht namentlich genannt werden möchte. Er erhebt nicht nur gegen seine Mitbewerber, sondern auch gegen die Regierung der Region Afar, in der die Danakil liegt, schwere Vorwürfe. "Um Geld einzunehmen, lässt die Regierung Touranbieter, die überhaupt keine Ahnung haben, in eines der schwierigsten Gebiete der Erde.

Einer, der die Gefahren aus eigener Erfahrung kennt, ist der Äthiopien-Experte Rüdiger Nehberg, der mit seiner Menschenrechtsorganisation in der Region eine fahrende Krankenstation unterhält. Nehberg genießt das Wohlwollen der Einheimischen, hatte in den letzten sieben Jahren keine Probleme. "Unter anderem wegen der Nähe zum verfeindeten Eritrea bleibt aber immer ein Restrisiko, vergleichbar mit einem Spaziergang durch Hamburg-St. Pauli bei Nacht", sagt der Abenteurer. "Gefangene, die sich kooperativ verhalten, werden meist fair behandelt. Denn Geiseln sind wertvoller als Leichen", so Nehberg.

Unterdessen wurde bekannt, dass einer der Toten ein 58 Jahre alter Theatertechniker aus Cottbus ist. Der zweite getötete Deutsche stammt vermutlich aus Schleswig-Holstein.

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