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Erst Spannung, dann kräftiger Applaus und Bravo-Rufe

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erstellt am 09.Sep.2013 | 10:49 Uhr

Redefin | Beim Eintritt in die große Reithalle des Gestüts erinnerte nichts an Pferd und Reiter. Über dem Gesumm der Stimmen von etwa 3000 Konzertbesuchern lag eine Spannung, die sich in kräftigem Applaus beim Auftritt der Wiener Philharmoniker entlud.

Zu Beginn des Konzertes spielte Matthias Schorn, Preisträger in Residence 2013, das Concertino Es-Dur von Carl Maria von Weber, begleitet von den Philharmonikern unter der Leitung von Lorin Maazel. Mit wenigen Bewegungen lenkte der 83-jährige Maestro den Orchesterpart. Jeder Einwurf saß. An der ausgefeilten Dynamik war zu erkennen, wie genau Solist und sein Orchester einander kennen. Schorn offerierte seinen vollen, sanften Ton, lockte das Publikum mit geheimnisvoll zartem Piano, führte es durch die virtuosen Läufe und Passagen. Nach stürmischem Beifall bedankte sich Schorn mit einer kollegialen Geste zu seinem Orchester: Er spielte eine Zugabe gemeinsam mit seinem Wiener Kollegen Ernst Ottensamer, ein Jagd-Duett, in dem beide Instrumente wild umeinanderwirbeln.

Danach kam das Hauptwerk des Abends: Bruckners 8. Sinfonie c-Moll. Ein monumentales Werk, das hohe Ansprüche an Interpreten und Hörer gleichermaßen stellt. Die Reithalle entwickelte dafür eine fabelhafte Akustik. Voll im Klang, behielt sie dennoch die Klarheit in allen Bewegungen. Die markanten Konturen, in denen der Dirigent die Themen entstehen ließ, übertrugen sich unmittelbar auf die Hörer. Wie ein Motiv seine Erscheinung verwandelt, wenn es vom samtigen Klang der Wiener Hörner zu den Flöten wandert und weiter zu den Streichern. Wie die Bratschen am Ende des 1. Satzes viermal auf genau gleiche Weise die Schlusstöne auf der tiefsten Saite niedersinken lassen und es beim fünften, beim letzten Mal doch um eine Nuance nachdrücklicher, unwiederholbar, endgültig tun. Das Scherzo an zweiter Stelle in der Satzfolge nahm Maazel in betont ruhigem Tempo. Die häufigen Wiederholungen von Takt zu Takt, die die Satzstruktur ausmachen, schwangen sich in diesem Tempo auf und gaben eine Ahnung von der Mystik der Zahlen in der Kompositionstechnik Bruckners.

Um so langsamer musste danach das Adagio beginnen. Nie kann man den zwischen Dreier- und Zweiergruppen wechselnden Rhythmus der Streicher zu Beginn aufgewühlter hören, suchender, den Einsatz des Themas erlösender. Am Rande des Stillstands tastet sich der Gesang von Ton zu Ton, ehe er sich belebt und langsam erhebt. In dieser Ruhe meint man, dass ganze Zeitepochen mit einem einzigen Takt zerfallen und mit dem nächsten neue sich aufbauen, solch Reichtum an Differenzierungen von Farbe, Dynamik und Ausdruck durchläuft der Klang. Das Publikum ist atemlos still.

Danach muss Beifall sein, der es wieder zurückholt aus der Weltvergessenheit und öffnet für die Stringenz des Finalsatzes. In riesigen Wellen ließ dort der Dirigent die übereinander geschichteten Themenkomplexe heranrollen und aus feinem Streichergewebe sich langsam emporrecken zu strahlendem Blechchor, untermauert von Pauke und Tuba und gekrönt von der Leuchtkraft der Violinen. Der Schlusston war kaum verklungen, da scholl lauter Jubel auf, angeführt von einem mächtigen Bravo, der lange nicht verklingen wollte. NDR Kultur hat das Ereignis aufgezeichnet und wird es am 29. September ab 19:05 Uhr senden.

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