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25. November 2017 | 12:43 Uhr

Erinnerungen einer Unbelehrbaren

vom

svz.de von
erstellt am 12.Mär.2012 | 12:03 Uhr

Schwerin | Ein bisschen Geplauder vorweg. Lehrerin wäre Margot Feist gerne geworden. Aber die Zeit war hart und ließ keinen Raum für Wünsche. "Mein Vater arbeite seit seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald in einer Papiermühle und könne uns nicht ernähren", erklärte sie damals ihrem Lehrer. "Ich machte eine Lehre als kaufmännische Angestellte, wurde kriegsdienstverpflichtet und arbeitete bis Kriegsende als Telefonistin." Mehr Persönliches verrät die Frau mit dem typischen lila Haar, die über ein viertel Jahrhundert Volksbildung a la DDR verantwortet, nicht. Auch nicht über ihren Mann Erich Honecker. Wer Näheres über ihr persönliches Verhältnis zu finden hofft, wird enttäuscht. Margot Honecker geht es 22 Jahre nach dem Ende der DDR um ihre Politik. Ihre Person bleibt im Dunkeln.

Schnell ist es mit persönlichen Worten vorbei, und Margot Honecker wird noch einmal Volksbildungsministerin der Deutschen Demokratischen Republik und Mitglied des Zentralkomitees der SED. "Es werden nach meinem Eindruck in dieser antikommunistischen, grobschlächtigen Hetze, mit der seit 1990 die DDR überzogen wird, die neuralgischen Stellen in der deutschen Geschichte bewusst ausgeblendet."

Im September 2011 flog der ostdeutsche Publizist Frank Schumann nach Chile. Er besuchte die Polit-Seniorin in ihrem Exil, in dem sie mittlerweile fast ein Viertel ihres Lebens verbringt. Seit 1992 wohnt sie in der Nähe ihrer Tochter und den Enkeln in Santiago de Chile. Es ist das erste Mal, dass sich Margot Honecker so ausführlich zu ihrem Wirken als Schulministerin äußert. 26 Jahre bestimmte sie, was in der DDR gelehrt wurde. "Zur Volksbildung" ist der schlichte Titel des Gesprächsbandes, der nun erschienen ist.


Die Anfänge oder wie wird man Ministerin?

Ministerin wollte Margot Honecker nicht werden - sagt sie. "Ich hatte nie die Absicht, an der Spitze eines Ministeriums zu stehen, auch wenn mir manche Übelkrähe genau diesen Ehrgeiz unterstellt." Ministerin geworden ist sie aber doch - die Partei wollte es so. "Das Politbüro erörterte und entschied. Dann wurde mit dem Betreffenden gesprochen: Die Partei ist der Auffassung, dass... . Und in der Regel zeigte man sich einsichtig." Soll heißen: Eigentlich wollte ich den Posten gar nicht, aber die Pflicht ruft mich. In diesem Punkt unterscheidet sich die Volksbildungsministerin Honecker nicht vom Durchschnittsminister der Bundesrepublik.

Was dann folgte, war eine rasante Karriere. 1958 wurde sie mit nur 31 Jahren stellvertretende Ministerin, fünf Jahre später übernahm sie das Ministerium. Da war ihr Mann Erich, der später so mächtige Generalsekretär und DDR-Staatschef, Sicherheitssekretär des ZK der SED.

Gleiche Bildung für alle - eine Schule für alle?

Die demokratische Einheitsschule. Im Mai 1946 wird sie in der sowjetischen Besatzungszone Gesetz, erzählt Margot Honecker. Vom Kindergarten bis zur Hochschule wurde Erziehung gedacht, ein sozialistischer Bürger sollte herangezogen werden. "Das schloss ein, dass Bildung für alle möglich war, dass jeder Bildungsweg offenstand und ein einheitliches Niveau in Stadt und Land garantiert war", jubelt sie noch 22 Jahre nach dem Scheitern der DDR.

Die DDR wollte "das jahrhundertealte Unrecht an den Kindern der Arbeiter und Bauern" beseitigten. Gleiches Recht für alle? Wohl kaum. Gelitten haben unter dieser Doktrin Kinder aus bürgerlichem Haus und religiös gebundenen Familien. Ihnen wurde der Zugang zur Erweiterten Oberschule (EOS), und damit zum Abitur, verschlossen. Jungen, die eine Laufbahn bei der NVA anstrebten, hatten gute Chancen, Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien auch. Aber die Möglichkeit zu wählen, gab es nicht. Zur EOS wurde delegiert. Damit übertraf die DDR-Schule das Schulsystem der BRD in puncto sozialer Ungerechtigkeit um Längen.

Margot Honecker lobt das gemeinsame Lernen bis zur zehnten Klasse. Leistungsstarke Schüler büffelten gemeinsam mit schwächeren in der Polytechnischen Oberschule (POS). "Es erwies sich als großer Vorzug, dass das gesamte Schul- und Bildungswesen, staatlich geführt und verwaltet wurde. Damit war eine zentrale Leitung und Lenkung möglich, die die Einheitlichkeit sicherstellte." Vom Bezirk Suhl bis Bezirk Rostock wurde nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet. Der Umzug mit schulpflichtigen Kindern gestaltete sich problemlos.

All dem steht ein großes Aber gegenüber: Abweichen vom Durchschnitt wurde nicht geduldet. Privatschulen? Bildung sollte nicht eine Frage des Geldbeutels sein. Christliche Einrichtungen? Fehlanzeige. Die Einheitsschule fraß jede Individualität und Kreativität.


Militarisierung der Schule?

Antreten zum Fahnenappell, Uniformen, wie Pionierbluse und Halstuch, Meldung zu Stundenbeginn, der Gruß "seid bereit", dem unisono die Antwort "immer bereit" entgegen schallte, der Wehrkundeunterricht: Eine Durchsetzung mit militärischer Attitüde und Prozession in der DDR-Schule ist kaum von der Hand zu weisen. Für Margot Honecker aber ist der Appell "eine Form der öffentlichen Zusammenkunft aller Schüler und Lehrer zur gemeinschaftlichen Verständigung". Und der Wehrkundeunterricht eine Reaktion auf die "Aggressivität von außen".

In den 70er-Jahren verschob sich die militärische Grundausbildung in der Schule. Die Nato rüstete auf, der Warschauer Pakt auch. Nun sollten Marschieren, Exerzieren und militärisches Grüßen in die Schule verlegt werden, um später Zeit für die Ausbildung an der Waffe zu gewinnen. Aber nicht nur das: In der neunten Klasse lernten die Jungen schießen, die Mädchen hetzten mit Gasmasken über den Schulhof und versorgten "Verwundete". All das ist, folgt man der Deklination Margot Honeckers, eine Reaktion auf äußere Umstände. "Die Provokation ging von der Nato aus", sagt sie. Deshalb der Wehrkundeunterricht, deshalb das Marschieren und Exerzieren auf dem Schulhof.

Eine Militarisierung der Schule vermag die 84-Jährige darin nicht erkennen. "Wer dies behauptet, kennt die Geschichte nicht oder blendet sie bewusst aus. " Auch hier finden sich die immer gleichen Rechtfertigungsmuster, die sich durch das Buch ziehen. 1. Es ist alles überhaupt nicht so gewesen und 2. Die anderen sind Schuld. Das ist an ideologischer Verbohrtheit kaum zu übertreffen.

Eine sozialistische ’Persönlichkeit?

"Ideologie ist ein Totschlagargument bei der Auseinandersetzung mit der DDR, weil sich keiner bewusst ist, was dies wirklich bedeutet. Tatsächlich ist Ideologie wertfrei. " Ziel sei die Bildung und Erziehung "allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten" gewesen. So hört sich das Kampfvokabular noch 22 Jahre nach der DDR an.

Damit nicht genug: "Die Verbindung mit der sozialistischen Gesellschaft war keine Indoktrination, sondern die Vorbereitung auf das Leben nach der Schule. […] Der Sinn der Volksbildung konnte folglich nicht darin bestehen, Kinder und Jugendliche zu teilnahmslosen, desinteressierten Mitläufern, gar zu Gegnern des Sozialismus zu erziehen."

Richtig: Die DDR wollte treue, systemtreue Bürger. Meinungsvielfalt, divergierende Ansichten und Vorstellungen waren nicht gewollt. Politisch Andersdenkende wurden sanktioniert, eine Opposition in der Volkskammer existierte nur theoretisch. Es klingt wie Hohn in den Ohren vieler, wenn Margot Honecker behauptet: "Wer seine Kinder zu Christen erziehen wollte, konnte dies." Ja, das konnte er - mit Konsequenzen. Die Söhne des Rostocker Pfarrers und zukünftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck durften nicht studieren - weil ihr Vater Pfarrer war. Freiheit war das nicht.

Was bleibt nun nach der Lektüre?

Das Gespräch mit Frank Schumann wächst sich zu einer Rund-um-Verteidigung der DDR aus. Schumann macht sich an vielen Stellen gemein mit Margot Honecker, er wird an einigen Stellen gar zu ihrem Steigbügelhalter, wenn sich die ehemalige Volksbildungsministerin dazu aufschwingt, die DDR zu loben. "Wer, wenn nicht wir, sollte sie verteidigen und die Lügen, die über sie verbreitet werden, widerlegen?" Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit dem Unrecht der DDR und seinem System der Volksschulbildung scheitert. Margot Honecker bereut nichts, sie ist mit sich im Reinen. Eine Demütigung für die Opfer des SED-Regimes.

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