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22. November 2017 | 06:56 Uhr

Enthüller selbst am Pranger

vom

svz.de von
erstellt am 14.Aug.2012 | 06:49 Uhr

Köln | Viel Feind, viel Ehr - das galt lange Zeit für Günter Wallraff (69). Wer sich mit Mächtigen und Reichen anlegt, wer sie entlarvt und bloßstellt, darf sich nicht wundern, wenn sie gegen ihn vorgehen. Im Grunde macht das einen Enthüllungsjournalisten ja nur noch glaubwürdiger. Und Wallraff hat vieles offengelegt an sozialen Missständen, über das sich seine Leser die Augen rieben - als Gastarbeiter Ali, als Bäcker am gefährlichen Fließband oder als Paketzusteller im täglichen Dauerlauf.

Nun aber stellt jemand Wallraff an den Pranger, der sozusagen zu seiner eigenen Klientel gehört, ein ehemaliger Mitarbeiter, der auf Hartz-IV angewiesen gewesen sein soll. Seine Anzeige hat dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Wallraff ermittelt - weil er Lohn vorenthalten, Sozialabgaben nicht gezahlt und auch noch Steuern hinterzogen haben soll. Sogar der Vorwurf, Wallraff habe andere für sich recherchieren und schreiben lassen, stand im Raum. Könnte es also sein, dass der Gutmensch Wallraff, der nur aufdecken und helfen will, ebenfalls eine Maske war, hinter der sich ein nicht so sympathischer Mensch verbirgt?

Er selbst wollte sich am Montag zunächst nicht zu den Ermittlungen äußern, verwies aber auf seine Erklärung von Ende Juli. Was er damals sagte, weist genau in die entgegengesetzte Richtung: Gerade weil er seinem damaligen Mitarbeiter Gutes tun wollte, könnte er nun am Pranger stehen. "Ich habe diesem Menschen, der mit einer konfliktreichen Biografie belastet ist, eine Wohnung zur Verfügung gestellt und ihn einige Jahre begleitet", schrieb Wallraff vor zwei Wochen. "Er stand mir in dieser Zeit auch immer wieder hilfreich zur Seite. Die Vorwürfe, ich hätte ihn ausgebeutet oder ausgenutzt, haben nichts mit der Realität zu tun."

Was auch immer da passiert sein mag, inzwischen sind die beiden erbitterte Gegner. Wallraff seinerseits hat Anzeige wegen Abhörens privater Gespräche gegen den Ex-Mitarbeiter gestellt. Nun geht es darum, wem man glaubt. Und Glaubwürdigkeit ist das Grundkapital für einen Enthüllungsjournalisten. Dazu gehört natürlich auch die Frage, ob er selbst denn als Arbeitgeber die Standards erfüllt, die er von den Unternehmen, in denen er recherchiert, immer wieder verlangt.

Bei den beiden Kölner Ermittlungsverfahren und der Anzeige gegen Wallraff kommen aber noch zwei Dinge hinzu, die ihm sehr zu schaffen machen könnten. Da ist zum einen die Anschuldigung, er habe Steuern hinterzogen. Weder die Staatsanwaltschaft noch Wallraff oder seine Anwälte wollten sagen, worum es genau geht. Aber dass ein Bestsellerautor mit seinen Recherchen über Arme viel Geld verdient, es aber nicht korrekt versteuert haben soll, schadet Wallraffs Image, bis es widerlegt ist.

Möglicherweise noch schwerer wiegt der Vorwurf, er könne eine eidesstattliche Erklärung mit gefälschter Unterschrift vorgelegt haben. Hier geht es um seine Recherchen in einer Großbäckerei vor vier Jahren. Wallraff weiß, dass seine Veröffentlichungen ihm Unterlassungsklagen einbringen können. Er braucht also Zeugen, die seine Schilderungen belegen - an Eides statt - um ihre Aussagen bei Gericht vorlegen zu können. Von einer gefälschten Unterschrift wisse Wallraff aber nichts, sagt sein Anwalt.

Zutreffend ist aber, dass es Blankounterschriften gegeben hat, aus denen später eidesstattliche Versicherungen wurden. Juristen beteuern zwar, dies sei überhaupt nicht ungewöhnlich, weil es bei Eilsachen auf jede Minute ankomme, und da werde die Unterschrift schon mal besorgt, während der Text noch formuliert werde. Es gehe nur darum, dass die Unterschrift unter einer Aussage stehe, der der Zeuge bis in jede Kleinigkeit zustimme. Auf juristische Laien könnte das Wort "Blanko" aber befremdlich wirken.

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