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21. November 2017 | 13:15 Uhr

Eine Spur von Erleichterung

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erstellt am 10.Feb.2013 | 06:24 Uhr

Berlin | "Sehr schweren Herzens" habe sie diesen Rücktritt angenommen, sagt Angela Merkel. Annette Schavan stelle "jetzt in dieser Stunde, ihr eigenes persönliches Wohl hinter das Wohl des Ganzen, hinter das Gemeinwohl". Aus für die Bildungsministerin. Vier Tage, nachdem die Uni Düsseldorf ihr den Doktortitel aberkannt hatte, zieht Schavan die Konsequenzen aus der Plagiatsaffäre und tritt zurück.

Samstag, kurz nach 14 Uhr im Bundeskanzleramt: Merkel wirkt angespannt, zerknirscht und bewegt, als sie zusammen mit ihrer langjährigen Vertrauten vor die Kameras tritt. Ein gemeinsamer Auftritt mit der Kanzlerin bei einem Ministerrücktritt - das ist mehr als ungewöhnlich. In den folgenden acht Minuten ist viel von "Freundschaft" und "Vertrauen" die Rede. Merkel trägt einen schwarzen Hosenanzug an diesem Tag, in der Farbe der Trauer: Mit ernster Miene lobt sie die scheidende Ministerin in den allerhöchsten Tönen, würdigt ihre Verdienste - fast eine Hymne auf Schavan.

Merkels Emotionen und der Abgang ihrer Ministerin - in den letzten Tagen hatte sich abgezeichnet, dass der Rücktritt für Schavan unvermeidlich sein würde. Und als er dann vollzogen wird, ist auch schon die Nachfolge geklärt: Das Bundesbildungsministerium soll bis zur Bundestagswahl im Herbst von der CDU-Politikerin Johanna Wanka geführt werden, bisher noch Kultusministerin in Niedersachsen und in der Wissenschaftsszene ähnlich wie ihre Vorgängerin hoch angesehen. "Der heutige Tag ist der richtige Tag, aus dem Ministeramt zu gehen", sagt Schavan und scheint in diesem Moment, mit sich selbst im Reinen zu sein.

Am Freitagabend hatte sie sich mit Merkel zum Gespräch getroffen: die Kanzlerin, erschöpft vom EU-Haushaltsgipfel in Brüssel. Und Schavan, gerade zurückgekehrt von einer Dienstreise nach Südafrika, bot den Rücktritt an: Ausdrücklich nicht als Schuldeingeständnis, sondern weil sie ihren Doktortitel vor Gericht zurückgewinnen will. "Wenn eine Forschungsministerin gegen eine Universität klagt, dann ist das mit Belastungen verbunden für mein Amt, für das Ministerium, für die Bundesregierung und auch die CDU", begründet Schavan öffentlich ihre Entscheidung. Im Klartext: Sie will nicht um ihren Posten kämpfen, sondern um ihre Ehre. Das Amt dürfe "nicht beschädigt" werden. Zum Abschied zitiert sie dann Erwin Teufel, den Ex-Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, ihren politischen Ziehvater: "Zuerst das Land, dann die Partei und dann ich selbst."

Ein Rücktritt mit Haltung - durchaus auch aus Sicht der Opposition in Berlin. "Respekt für den Rücktritt einer klugen und anständigen Kollegin", meldet sich SPD-Chef Sigmar Gabriel bei Twitter zu Wort, lobt Schavan und keilt dann gegen die Kanzlerin: "Was bleibt: Merkels Reste-Rampe..."

Die heimliche Hoffnung der Opposition, dass Schavan an ihrem Ministersessel kleben und damit für die Union zur Belastung werden könnte, zerschlägt sich an diesem Wochenende. Am Donnerstag wird die 57-jährige in Schloss Bellevue von Bundespräsident Joachim Gauck ihre Entlassungsurkunde erhalten - und Johanna Wanka zu ihrer Nachfolgerin ernannt: Der gelernten Mathematikerin, die Wissenschaftsministerin in Brandenburg und Niedersachsen war, wird ebenfalls ein guter Draht zu Angela Merkel nachgesagt. Gut sieben Monate vor der Bundestagswahl noch einmal Stühlerücken im Bundeskabinett - und Annette Schavan wirkt dabei erstaunlich gefasst. Als sie am Samstagmittag vor dem Kanzleramt in ihren Dienstwagen steigt, huscht sogar ein Lächeln über ihr Gesicht. Eine Spur von Erleichterung nach Tagen und Wochen zwischen Rücktrittsforderungen und Selbstverteidigung in der Plagiatsaffäre.

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