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Hintergrund : „Eine solche Katastrophe war schlicht unvorstellbar“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

svz.de von
erstellt am 28.Sep.2014 | 09:00 Uhr

Nur wenige Wochen nach dem Untergang der „Estonia“ trafen sich 1994 in Hamburg zwei Dutzend Vertreter von deutschen und in Deutschland operierenden ausländischen Fährreedereien, um die Gründung des Verbandes der Fährschifffahrt und Fährtouristik (VFF) auf den Weg zu bringen. In Hamburg mit dabei war damals Jens-Peter Berg, seinerzeit Manager bei Silja Line. Thomas Schwandt sprach mit dem heute 60-jährigen stellvertretenden VFF-Vorsitzenden.

War die zeitnahe Gründung des Fährverbandes eine unmittelbare Reaktion auf das folgenschwere „Estonia“-Unglück?
Berg: Vordem existierte kein Branchenverband in Deutschland. Es gab lediglich das „Seepassage Komitee Deutschland“, in dem die Fährreedereien seit Jahren aber nicht mehr involviert waren und das sich später auflöste. Das „Estonia“-Unglück erinnerte uns auf tragische Weise, dass die Branche eine Interessenvertretung benötigte und zu einer gemeinsamen Sprache finden musste.
Inwiefern?
Nach dem Fährunglück mit mehr als 800 Toten herrschte in der Branche zunächst Schockstarre. Eine solche Katastrophe in der Ostsee war schlicht unvorstellbar. In einer ersten Reaktion ließen manche Reedereien die Bug-klappen ihrer Schiffe verschweißen. Denn mögliche Ursachen des Untergangs mussten erst abgeklärt werden. Später wurden die Fähren mit Querschotten auf den Autodecks und zusätzlichen Sicherheitsschotten hinter den Bugklappen ausgerüstet. Die menschliche Tragödie des „Estonia“-Untergangs hatte einen immensen Vertrauensverlust in die Sicherheit der Schiffe zur Folge, der Markt brach dramatisch ein. Die Passagierzahlen auf den Fährlinien reduzierten sich nach dem Unglück zeitweise auf ein Zehntel des Niveaus vor dem 28. September 1994.
Diente die Gründung des Fährverbandes auch dazu, die Branche in sicheres Fahrwasser zurückzuführen?
In doppeltem Sinne. Die Reedereien waren von heute auf morgen damit konfrontiert, Fragen ihrer Kunden nach der Sicherheit auf See zu beantworten. Es begann ein Umdenken. Mit dem Verband sollten die Kräfte gebündelt werden, um einheitliche Standards durchzusetzen und die Kommunikation nach innen und außen zu verbessern. An Bord der Fährschiffe wurden fortan zum Beispiel für die Passagiere Sicherheitsinformationen bereitgehalten, wie es in der Luftfahrt längst gängige Praxis war. Aber auch die Vermarktung der Fährprodukte wurde qualifiziert und auf die modernen Erfordernisse zugeschnitten.
Welchen Einfluss hat der VFF auf die Sicherheit in der aktuellen Fährschifffahrt?
Keinen direkten. Das ist die Aufgabe von Klassifizierungsgesellschaften und der internationalen Schifffahrtsorganisation IMO. Aber mit gezielten Informationen und Aufklärungsarbeit kann der Verband dazu beitragen, Reedereien und Passagiere für das Thema zu sensibilisieren. Erst nach dem „Estonia“-Unglück rückte zum Beispiel ins Bewusstsein, dass jedes Crewmitglied in das Sicherheitskonzept an Bord einzubinden, zu schulen und mit einer Aufgabe zu betrauen ist, bis hin zu den Servicekräften im Gastronomiebereich.

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