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19. November 2017 | 08:12 Uhr

Eine Nation in Wut und Trauer

vom

svz.de von
erstellt am 16.Apr.2013 | 07:42 Uhr

Boston | Stunden nach der letzten Explosion zittert die Stadt Boston noch immer. Zerstört ist die Freude eines Tages, der unbekümmert und fröhlich werden sollte. Dieselben lebendigen Straßen, die seit mehr als 100 Jahren von den Turnschuhen der Marathonläufer und Feiernden abgelaufen werden, liegen in der Nacht zu gestern aufgerissen und tot da. Sirenen zerschneiden immer wieder die Stille, während Spezialeinheiten der Polizei und Krankenwagen zwischen der Ziellinie und den vielen Krankenhäusern hin und her eilen. Mindestens drei Tote und mehr als 170 Verletzte melden die Behörden.

Die Zahlen können nicht annähernd ausdrücken, wie tief es die in Erschöpfung, Schmerz und Furcht versunkene Stadt im Innern getroffen hat. "Es ist wirklich, wirklich hart für alle unsere Mitarbeiter, denn so etwas haben wir noch niemals gesehen", sagt Hana Dubski, Assistenzärztin am Brigham and Women’s Hospital. Stundenlang behandeln sie und ihre Kollegen Verletzungen - von kleinen Verbrennungen bis zu Beinen, die von Splittern so zerfetzt sind, dass sie amputiert werden müssen. Kinderärztin Natalie Stavas kniet neben einem Mann, der sein Bein verloren hat. Mit einem Gürtel versucht sie, die Blutung zu stoppen. "Er war im Schock," beschreibt sie die bizarre Situation, in der das Opfer versichert: "Ich bin ok, ich bin ok." Insgesamt 17 Verletzte waren gestern noch in kritischem Zustand. Ärzte fanden in den Beinen vieler Opfer "scharfe Objekte" wie etwa Nägel und Metallkugeln, mit denen offenbar die Sprengsätze gefüllt waren.

Für den achtjährigen Richard Martin, der an der Ziellinie seinem laufenden Vater zujubeln wollte, kommt jede Hilfe zu spät. Er stirbt an seinen schweren Verletzungen. Seiner sechsjährigen Schwester sei ein Bein abgerissen worden, heißt es. Die Mutter wird ebenfalls schwerverletzt noch in der Nacht operiert.

Über Nacht verwandelte sich das sonst lebhafte Zentrum Bostons in eine Geisterstadt. Die Polizei riegelte die historische Bay Area mit ihren quirligen Restaurants und Geschäften weiträumig ab. Nicht einmal die Reinigungskolonen erhielten Zutritt um plattgetretene Bananenschalen, Pappbecher und anderen Müll wegzuschaffen. In dem Unrat könnten sich wichtige Tat-Hinweise finden. "Wir werden herausfinden, wer das getan hat, und wir werden sie zur Rechenschaft ziehen", verspricht US-Präsident Barack Obama noch am gleichen Abend. Das Wort "Terror" nimmt er noch nicht in den Mund. Dagegen sprechen seine Experten hinter den Kulissen offen von einem "terroristischen Anschlag".

Gestern folgt auch Obama dieser Bewertung: "Das Massaker ist ein Terrorakt!" Aber: Wer steckt dahinter - ausländische Terroristen mit Verbindungen zur El-Kaida oder einheimische Täter aus dem Umfeld der rechtsextremen "Patriot"-Gruppen, die seit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten wie Pilze aus dem Boden sprießen? Für rechten Terror spricht aus Analysten-Sicht der Zeitpunkt der Tat. Der 15. April ist der Tag, an dem die Amerikaner ihre Steuererklärung abgeben müssen. Und er liegt kurz vor dem Jahrestag des Anschlags von Oklahoma, wo ein Wahnsinniger mit rechtsextremem Hintergrund 1995 zwei Tonnen Sprengstoff explodieren ließ und 168 Menschen tötete.

Aber es gibt angeblich auch Hinweise auf einen El-Kaida-Hintergrund: Dafür, so Experten, spreche das Muster des Anschlags, aber auch die Festnahme eines 20-jährigen Saudis. Der junge Mann hat Wunden erlitten, die auf große Nähe zum Sprengsatz hindeuten. Die Behörden bestätigten zudem, dass die Wohnung "einer Person von Interesse" durchsucht worden sei. Doch Ermittler betonen , es sei zu früh, Rückschlüsse zu ziehen. Die Stimmung der Einwohner ist gedrückt, aber unterkriegen lassen sie sich nicht, sagt David Callaway, Chefredakteur der "USA Today" und gebürtiger Bostoner. "Wie die New Yorker vor mehr als zehn Jahren werden wir stärker denn je wiederkommen und denen die Stirn bieten, die unsere Freiheit angegriffen haben."

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