Interview Wladimir Kaminer : Eine Mischung aus Moskau und einem Kurort

Schriftsteller Wladimir Kaminer – der in Berlin lebt – beschreibt in „Kulturlandschaften“ seine Eindrücke aus fünf verschiedenen deutschen Provinzen.
Schriftsteller Wladimir Kaminer – der in Berlin lebt – beschreibt in „Kulturlandschaften“ seine Eindrücke aus fünf verschiedenen deutschen Provinzen.

Wladimir Kaminer erzählt, warum man MV nie mit dem Saarland verwechseln kann und im Schwarzwald Hobbits leben.

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24. August 2015, 12:00 Uhr

Privat ist er Russe, beruflich einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Wladimir Kaminer hat einen ausgeprägt verschrobenen Humor wie eine brillante Beobachtungsgabe. Im Interview mit Eric Leimann schildert er die Eindrücke seiner Provinzreisen.

Es heißt, sogar in der Provinz sehe es überall gleich aus. Stimmt das?
Kaminer: Nein, das Gegenteil ist richtig. Die Menschen wollen wissen, wie sie sich von ihren Nachbarn unterscheiden.

Konnten Sie deutliche Unterschiede erkennen?
Ich reiste durch fünf deutsche Provinzen. Es kam mir vor, als wäre ich in fünf unterschiedlichen Ländern gewesen. Das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern kann man definitiv nicht verwechseln.

Nennen Sie ein Beispiel?
Mecklenburg-Vorpommern ist für mich eine Mischung aus meiner Heimatstadt Moskau und einem Kurort. Menschen, die zu lang aufs Wasser gestarrt haben, lassen sich davon nicht mehr beeindrucken. Ich war beispielsweise auf einem Hafenfest in Wismar. Dort sagte mir ein Fischbrötchenverkäufer ziemlich schroff: „Von dir will ich kein Geld.“ Ich dachte: „Wow, er muss meine Bücher kennen.“ Aber dann nahm er vom Rentner hinter mir ebenfalls kein Geld und von dem Pärchen dahinter auch nicht. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass er alle seine Brötchen verschenken wollte. Er wollte einfach nicht länger an diesem Stand am Hafen stehen. Der Mecklenburger hat diese ruppig-sozialistische Art, die mir aus meiner Heimat bekannt vorkommt. Ein Wesenszug, den man im Saarland oder Schwarzwald lange suchen müsste...

Wie haben Sie denn die Schwarzwälder und Saarländer erlebt?
Das ist ein bisschen wie bei „Der Herr der Ringe“: Im Schwarzwald leben die Hobbits. Oder ist das jetzt beleidigend? Na ja – eben Menschen, die eine starke Beziehung zur Erde haben. Schwarzwälder sind Erdmenschen. Und Saarländer? Die stehen fürs Feuer, finde ich. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, kann man sie nicht mehr vom Gegenteil überzeugen.

Sie haben auch einen Film über eine Stadt gedreht. Was macht Wuppertal zur beispielhaften Provinz?
Wuppertal ist für mich rheinländischer Kommunismus. Man findet dort viele geplatzte Hoffnungen, sieht aber auch eine wunderschöne Landschaft. Es ist eine lange, schmale Stadt, die nur aus Bergen und Treppen besteht. Ich glaube, es gibt dort sogar die längste Treppe der Welt.

Fehlt noch die Eifel. Was empfanden Sie dort als besonders spektakulär?
Seltsame Menschen. Zum Beispiel einen 80-jährigen Künstler namens Paul. Der schaute sich auf dem Globus an, was von der Eifel aus betrachtet auf der anderen Seite der Welt liegt. Nelson in Neuseeland lautete die Antwort. Dort leben viele Maori. Nun wollte Paul diese in die Eifel einladen. Sie hatten jedoch kein Geld, um die Einladung anzunehmen. Also fing er an, einen Tunnel zu graben, damit die Maori ohne Geld in die Eifel reisen konnten. Das ist ein Witz – würde man denken. Wenn Sie die Baustelle gesehen hätten, wären Sie nicht mehr so sicher.

Sie nähern sich den Provinzen über ihre Künstler. Sind die anders als jene in den großen Städten?
Künstler in der Provinz werfen längere Schatten. In einer Metropole, in der es an jeder Ecke Kunst gibt, geht alles Schöne und weniger Schöne wortlos unter. Und die Menschen haben keine Sekunde Aufmerksamkeit für Dinge, die sie nicht direkt angehen.

Welche Gemeinsamkeiten konnten Sie bei den Deutschen finden?
Zum Beispiel die Liebe zum Wald. Das ist etwas sehr Deutsches. Im Schwarzwald traf ich eine Black Metal Band, die auf der ganzen Welt in der Szene bekannt ist. Sie erzählten mir, dass sie sich schon als Kinder immer in den Wald setzten. Es treibt sie bis heute an – auch in ihrer Musik. Die konnten nichts anderes werden als Black Metal Musiker. Wenn man diese Urigkeit des Waldes erkannt hat, kann man einfach keine Schlager mehr singen.

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