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22. Oktober 2017 | 01:19 Uhr

Eine einzige Mogelpackung

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svz.de von
erstellt am 12.Okt.2012 | 10:20 Uhr

Schwerin | Auf Seiten der Ärzte sitzt bei den Honorarverhandlungen auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV), der Rostocker Mediziner Dr. Wolfgang Eckert, mit am Verhandlungstisch. Karin Koslik sprach mit ihm über die aktuelle Auseinandersetzung auf Bundesebene und die Besonderheiten der Ärztevergütung in unserem Bundesland.

Herr Dr. Eckert, warum konnten sich Krankenkassen und Ärzte nicht gütlich auf bundeseinheitliche Regelungen zur Weiterentwicklung des Vergütungsvolumens für 2013 einigen?

Dr. Eckert: Die Krankenkassen waren auf Bundesebene mit der Forderung nach einer Honorarkürzung um sieben Prozent in die Verhandlungen gegangen. Das ist utopisch, denn schon seit 2008 gab es keine Anhebung der Preise für die in den Arztpraxen erbrachten Leistungen mehr. Aus diesen Preisen sind neben dem Praxispersonal auch die Miete, die Energiekosten und nicht zuletzt die teils sehr teuren medizinischen Geräte zu finanzieren. Unter Berücksichtigung dieser Kosten und einem Inflationsausgleich für das ärztliche Einkommen in Höhe normaler Tarifsteigerungen sind die durchschnittlichen Praxiskosten um elf Prozent gestiegen. Dem gegenüber steht die aktuelle Entscheidung einer Preisanpassung von 0,9 Prozent - wohl gemerkt für einen Zeitraum von fünf Jahren. Selbst bei einer Steigerung der Honorare um elf Prozent hätten die Ärzte noch keinen Cent mehr, sondern nur einen Kostenausgleich gehabt. Dass die Krankenkassen diese Steigerung verweigern, obwohl sie einen Überschuss von 22 Milliarden Euro verbucht haben, halten wir für nicht hinnehmbar.

Trotz des am Dienstag erzielten Schlichtungsergebnisses - 1,15 bis 1,27 Milliarden Euro mehr Honorare im kommenden Jahr - sind am Mittwoch vor allem im Westen Ärzte in den Streik getreten. Warum sind auch Sie weiter unzufrieden?

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist auf ganzer Linie eingeknickt. Statt der geforderten elf Prozent Kostensteigerung seit 2008 sind ganze 0,9 Prozent Steigerung herausgekommen. Damit ist es auch den Ärzten in Mecklenburg-Vorpommern nicht möglich, den eingetretenen Investitionsstau in ihren Praxen zu beheben und dringend notwendige Tarifanpassungen der Praxismitarbeiter durchzuführen. Die Veröffentlichung einer Steigerung von rund 1,2 Milliarden Euro ist eine einzige Mogelpackung! Nach unseren Berechnungen werden unter Berücksichtigung der regionalen Faktoren, wie Morbidität und Alter, maximal ein Prozent Steigerung herauskommen. Da unsere Ärzte bereits vielfach an der Leistungsgrenze arbeiten, können sie die im Kompromiss enthaltene Vergütung für Leistungs- bzw. Arbeitssteigerungen kaum wahrnehmen. Nach aktuellen Umfragen liegt die Wochenarbeitszeit unserer Ärzte bereits deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Wie wollen Sie auf diesen Kompromiss auf Bundesebene nun reagieren?

Wir wissen, dass die Ärzte in MV hoffnungsvoll auf die anstehenden regionalen Verhandlungen schauen. Sollten die Krankenkassen ähnlich wie auf Bundesebene reagieren, wird es auch hierzulande zu Protesten kommen, die selbst flächendeckende Praxisschließungen beinhalten können.

Wenn es darum geht, Hausärzte zur Niederlassung in unserem Land zu bewegen, werben Sie gerne damit, dass die Verdienstmöglichkeiten hier besonders gut sind. Steht das nicht im Widerspruch zu Streikandrohungen?

Das Problem besteht darin, dass Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern sehr gut verdienen, weil ein Fünftel aller Hausarztsitze nicht besetzt ist und die Patienten aus diesen Bereichen von ihnen mitversorgt werden müssen. Die Patientenzahlen einer Allgemeinarztpraxis in Mecklenburg-Vorpommern liegen pro Quartal um 200 bis 250 Patienten und somit um etwa ein Viertel über dem Bundesdurchschnitt. Der höhere Verdienst resultiert also ausschließlich daraus, dass mehr Patienten durch letztlich immer weniger Hausärzte in unserem Land betreut werden. Hätten wir mehr Hausärzte, bekäme jeder einzelne Hausarzt auch weniger aus dem insgesamt zur Verfügung stehenden Vergütungsvolumen. Dieses Volumen wird nämlich unabhängig von der Anzahl der für die Patientenversorgung tatsächlich zur Verfügung stehenden Hausärzte gebildet.

Haben auch Fachärzte das Problem geringer Überschüsse?

Grundsätzlich ja, denn auch sie sind von der Inflation betroffen, auch sie müssen steigende Mieten, Energie- und Personalkosten tragen. Darüber hinaus muss man bei den Fachärzten unterscheiden: So ist z. B. die Gruppe der Operateure, nicht so sehr durch Budgets eingeengt wie die konservativ arbeitenden Fachärzte, beispielsweise Neurologen, Augen- oder Frauenärzte. Operateure erhalten einen Teil der Leistungen mit festen Preisen vergütet, während konservativ Tätige überwiegend Budgets unterworfen sind und einen Großteil ihrer Leistungen nur anteilig oder gar nicht vergütet bekommen. In diesen Fachgruppen wird es auch aus diesem Grund immer schwieriger, Praxisnachfolger zu finden.

Erschwerend kommt bei den Fachärzten hinzu, dass aus ihrem Vergütungsvolumen auch die Psychotherapeuten bezahlt werden müssen. Diese waren in der ursprünglichen Berechnung der fachärztlichen Honorare jedoch nicht in diesem Umfang vorgesehen. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Anzahl der Psychotherapeuten in den letzten Jahren um 40 Prozent gestiegen, ohne dass die von den Krankenkassen gezahlte Vergütung hierfür angemessen erhöht wurde. Eine zentrale Forderung in den Honorarverhandlungen ist daher auch die Herausnahme psychotherapeutischer Leistungen aus dem Vergütungsvolumen der Fachärzte - und zumindest in dieser Hinsicht scheint sich eine Lösung auf Bundesebene anzubahnen.

Wie viel verdienen niedergelassene Ärzte eigentlich durch Privatpatienten dazu?

Der Anteil ist hier im Land verschwindend gering - nur zwei Prozent unserer Patienten sind privat versichert.

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