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24. September 2017 | 12:31 Uhr

Eine Dornier rettete ihm das Leben

vom

svz.de von
erstellt am 29.Nov.2011 | 06:40 Uhr

Schwerin | Lebhaft erzählt er von der Vergangenheit, so als wäre es erst gestern passiert. Doch die Ereignisse liegen 66 Jahre zurück. Rolf Schmidt - Anfang 1945 elf Jahre alt - ist das älteste von insgesamt sechs Kindern. "Ich war jeden Tag draußen. Bin heute immer noch ein Naturmensch. Meine Mutter hat damals immer gesagt, wir sollen nicht rausgehen, die Russen kommen", erzählt Rolf Schmidt. Zusammen mit seiner Mutter und seinen jüngeren Geschwistern, für die er in Kriegszeiten Vaterersatz war, musste er damals von Köslin aus fliehen.

Die Russische Armee rückt vor

Vor kurzem feierte er zusammen mit seiner Familie in Schwerin seinen 78. Geburtstag. Immer an seiner Seite seine Ehefrau Inge - und das seit 59 Jahren. "Wir sind 54 Jahre verheiratet", sagt Inge Schmidt. Drei Kinder, vier Enkelkinder und zwei Urenkel umgeben das Ehepaar. Auch die fünf jüngeren Geschwister von Rolf Schmidt leben noch. Der Jüngste wohnt heute in Köln. Damals - in den Wirren des Krieges - hatte Rolf Schmidt seinen zweijährigen Bruder auf dem Arm - bei der Flucht von Köslin in den Westen. Wenn er sich erinnert, dann taucht er ein in die Vergangenheit. Seine blauen Augen - verdeckt hinter einer großen Brille - werden lebhaft. Ebenso sein Erzählen. Die Arme sind ständig in Bewegung, wenn Rolf Schmidt von der Flucht aus dem heutigen Polen berichtet.

Eines Nachmittags im Jahr 1945 passierte es: "Es rummste. Eine Granate ging knapp über unser Haus hinweg." Die Flugbahn zeichnet Rolf Schmidt mit seinem Arm nach. Seine Mutter war schon Tage zuvor unruhig, denn direkt vor dem Haus hatten die Soldaten Kanonen aufgebaut, weil die Rote Armee mit ihren Panzern immer näher rückte. Die Koffer hatte sie bereits gepackt. Dann ging es los, erinnert sich Rolf Schmidt. In dieser Zeit durfte er zum ersten Mal das Fahrrad vom Dachboden holen. Das Rad bepackten sie mit all ihren Sachen und dann ging es zur Kaserne. Dort verbrachten sie die Nacht im Luftschutzkeller. "Einige erzählten, dass es morgen nach Kolberg gehen sollte", erzählt der 78-Jährige. So kam es dann auch. Mit einem Kleintransporter, einem Opel, fuhr die Familie nach Kolberg. "Das Auto war beladen mit Benzinkanistern. In einer Ecke hinter dem Fahrerhaus saßen wir zusammengekauert." Auch in Kolberg sollte die Familie nicht lange bleiben. Mit dem Zug sollte es weiter gen Westen gehen. Eine Granate traf die Lok des Güterzugs - überall Kohlenstaub, beobachtete damals der Elfjährige. Mitten auf dem Feld mussten alle Passagiere runter und raus aus dem Zug. In dieser Situation verschwindet ein Bruder. Rolf Schmidt suchte ihn. "Meine Mutter sagte, wir müssen runter vom Acker und hoch zur Ostsee." Dort angekommen, trafen sie auf Trecks. Hunderte von Menschen auf der Flucht vor der Roten Armee. "Ich bin von einem Treck zum nächsten gelaufen und habe meinen Bruder gesucht - und schließlich auch gefunden", erinnert sich Schmidt.

Zwei Fluchtversuche in den Westen scheitern

Die Familie wieder vereint, kamen sie an der Ostsee an - am Fliegerhorst Kamp. Von dort aus ging es mit einem Flugboot vom Typ Dornier in Richtung Westen. "Ein Steg führte zum See runter. Dort stand bereits so eine Maschine, die uns ausfliegen sollte", berichtet der Rentner. Zu dieser Zeit war die russische Armee bereits weit vorgerückt. "Treptow brannte zu diesem Zeitpunkt schon. Und die Russen standen mit ihren Panzern auch ganz in der Nähe der Ostsee." Rolf Schmidt ist sich sicher, dass die spätere Maschine mit insgesamt 76 Insassen - vorwiegend Kinder - vom Typ Dornier 24 von den Russen beschossen wurde und deshalb kurz nach dem Start aus 80 Metern Höhe in den Kamper See stürzte. "Als wir am Flugplatz Dievenow landeten, kamen damals Offiziere auf uns zugelaufen und riefen: ,Ihr habt Glück gehabt. Die andere Maschine haben sie gerade abgeschossen."

Bis heute kann sich Rolf Schmidt an all diese Ereignisse von 1945 erinnern. Auch daran, wie er wieder nach Schwerin kam. Denn 1933 wurde er hier geboren und wuchs zunächst bei seinen Großeltern auf. Namen, Adressen, Daten - alles kein Problem für den 78-Jährigen. "Ich könnte so viel erzählen, dass ich ein ganzes Buch schreiben könnte", sagt Rolf Schmidt. Sein Leben bleibt auch nach der Flucht und nach dem Krieg spannend. "Ich hab schon immer viel Unsinn gemacht." Das sollte die nächsten Jahre auch erst einmal so bleiben. Gegen 1949 versucht er mit einem Freund in den Westen abzuhauen - nach Hamburg seinen Großvater väterlicherseits besuchen. "Bei Dutzow wollten wir über die Grenze, doch Grenzsoldaten waren damals auch schon vor Ort", erinnert er sich. Rolf Schmidt versteckte sich, damit die Soldaten ihn nicht finden. Als er dieses Ereignis schildert, duckt er sich, legt seinen Oberkörper auf den Esstisch und fängt an zu flüstern. "Als alles ruhig war, bin ich wieder hoch. Meinen Freund hatten sie bereits erwischt und mich dann leider auch." Auch der zweite Versuch scheitert. Rolf Schmidt hatte es über die Grenze geschafft; von Schlutup aus wollte er nach Lübeck. Doch es sollte anders kommen. "Das war 1949, mein Vater war gerade aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden und hatte eine Suchmeldung nach mir gestartet." Das Jugendamt brachte den damals 15-jährigen Jungen wieder zurück nach Schwerin.

Danach musste der Jugendliche zu einem Bauern in die Lehre. Dort fühlte er sich nicht wohl. "Ich wollte abhauen, wurde aber erwischt. Mein Vater holte mich dort weg." Danach suchte sich Rolf Schmidt eine Lehrstelle in einem Malerbetrieb. "Ich kenne so gut wie jedes Haus in Schwerin - durch meine Arbeit als Maler." Die Lust am Zeichnen hat er bis heute nicht verloren. An seiner selbstgebauten Staffelei steht er, wenn er Zeit hat. Doch momentan ist es schwierig. Schließlich ist Rolf Schmidt auch Jäger aus Leidenschaft. Und mit seiner Frau will er noch viele schöne Stunden verbringen.

Doch den Schabernack kann der 78-Jährige bis heute nicht lassen. "Mein Mann ist einer von der alten Schule. Doch ich lasse mir nicht mehr von ihm in die Jacke helfen", erzählt Inge Schmidt. Denn er habe bei ihr früher immer die Ärmel zugehalten.

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