Eine deutsche Punk-Legende wird 50

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Andreas Frege alias Campino dapd

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21. Juni 2012, 07:06 Uhr

Düsseldorf | Er springt mit nacktem Oberkörper in die Massen, lässt sich auf Händen zu einem Scheinwerferturm tragen, klettert den Turm empor und zündet einen Bengalo-Feuerwerkskörper. Campino alias Andreas Frege, Frontmann der Toten Hosen, ist ein Phänomen, sein gertenschlanker Körper schier unverwüstlich. 30 Jahre Punkrock in den Knochen, viele Jahre davon als rauschende Drogenparty, scheinen abgeperlt. Am kommenden Freitag wird er 50 Jahre alt. Am Tag davor und am Tag danach steht er in Wien und in Düsseldorf auf der Bühne. Dazwischen feiert er seinen Geburtstag. Der einstige Bürgerschreck spult derzeit ein fast unheimliches Pensum ab.

Mit seiner Band stellt er gerade die eigenen Rekorde in den Schatten, stürmt in drei Ländern gleichzeitig die Chartspitze. Das Stück "Tage wie diese" schallt als Hymne durch die Fußballstadien. Für die Tournee im Herbst waren schon nach einem Tag 125 000 Tickets verkauft. Es sind diese kleinen Gesten, deretwegen Campino von seiner Fangemeinde geliebt und verehrt wird. Etwa jene vor wenigen Tagen, als die Fans schon nachts um Tickets anstanden für ein Akustik-Konzert der Hosen in der ehrwürdigen Düsseldorfer Tonhalle. Plötzlich hält ein Bus, Campino und Konsorten springen heraus und geben auf dem Bürgersteig ein Konzert vor dem Konzert - für die Warteschlange.

Das Unternehmen Tote Hosen ist generalstabsmäßig geplant. Die Auftritte werden bis zur Erschöpfung zelebriert und anschließend selbstkritisch seziert. Vor der Album-Präsentation ("Ballast der Republik") in Köln lässt sich der Sänger mit Cortison fitspritzen, weil die Stimme futsch ist. Statt Kokain und Speed zu konsumieren, lasst er sich von einem Physiotherapeuten behandeln. Der selbst erzeugte Lärm hat ihn schwerhörig gemacht: egal. Sehnenentzündungen, Kreuzbandriss, angerissene Stimmbänder: vergessen. Er hat mit Wim Wenders und Klaus Maria Brandauer zusammengearbeitet für Film und Theaterbühne. In der ARD-Sendereihe "Deutschland, deine Künstler" war ihm eine Folge gewidmet neben Kurt Masur. Die ZDF-Zuschauer wählten Campino einst zu einem der größten Deutschen vor Friedrich Schiller.

Dass er aus einer renommierten Juristenfamilie stammt, hat der Punkrocker lange verschwiegen. Sein Opa war Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, der Vater Richter am Oberverwaltungsgericht und der Bruder ist einer der renommiertesten Insolvenzrechtler des Landes. Rührt daher die preußische Disziplin, mit der Campino seit 30 Jahren seinen rauen persönlichen Gegenentwurf präsentiert?

"Marathon-Mann" nannte ihn der "Spiegel". Was immer auch kommt, Campino ist präpariert. Den aufkommenden Fragen nach dem Alter haben sie schon vor zehn Jahren in dem Lied "Graue Panther" den Wind aus den Segeln genommen. Er fühle sich schon seit vielen Jahren wie 50. "So trickse ich mich aus", sagt er. Wenn der offizielle Stempel komme, denke er, das Gefühl habe er schon seit fünf Jahren. Alter sei ohnehin eine Sache der Betrachtung: "Man kann sich bedauern, dass man so und so alt ist. Man kann aber auch sagen: Wow, ich bin immer noch hier und viele andere sind früher rausgeflogen und haben sich dickere Beulen geholt."

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