Ein Wettbewerb mit Wassereimern

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11. Juni 2012, 08:14 Uhr

Schwerin | Der 12. Juni? Tag des Lehrers. Datum und Anlass dürften vielen, die durch die Polytechnische Oberschule der ehemaligen DDR gegangen sind, bis heute im Gedächtnis haften. 1951 wurde der 12. Juni erstmals als Ehrentag begangen, auf den Tag genau fünf Jahre nachdem das "Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule" verabschiedet worden war. Die Strophe eines Pionierliedes verriet die Idee: "Ihr müht euch mit uns jeden Tag, um uns ’was beizubringen. An eurem Tag woll’n wir dafür ein Lied zum Dank euch singen, ein Lied zum Dank euch singen."

Eine - verordnete - Gelegenheit zum Dank also. Ehrlicher Dank oder aufgesetzter? Eine Einladung, sich beim Lehrer beliebt zu machen? Fluch oder Segen? Egal wie, ein Tag jedenfalls, der sich von anderen Schultagen abhob. Lehrerinnen und Lehrer trugen Wassereimer zur Schule, je nach Selbstvertrauen offen oder verdeckt. Schülerinnen und Schüler brachten Bastelarbeiten und Blumensträuße mit, Qualität und Umfang davon abhängig, wie gut sie oder ihre Eltern den Empfänger leiden konnten. Wer als Kind doch einmal mit leeren Händen kam, drückte sich möglichst klein in die Bank, während die anderen zu Beginn der Stunde vor dem Lehrertisch Schlange standen - wahlweise mit der leidlich ansehnlichen Ausbeute aus dem Blumenladen oder dem, was Gärten und Blumentöpfe hergaben. "Herzlichen Glückwunsch zum Lehrertag!" Händeschütteln. Geschenkübergabe. Der nächste, bitte!

In fast allen Lehrerzimmern war an diesem Tag ein interkollegialer Wettbewerb im Gange. Wer hat die meisten Blumen im Wassereimer? Gute Chancen hatten diejenigen, die in der Unterstufe unterrichteten. Je jünger die Kinder, desto größer die Bereitschaft, ihre Lehrerinnen oder Lehrer zu verehren. In höheren Jahrgängen übernahm es dann oft die Elternvertretung, das Elternaktiv, einen Gemeinschaftsstrauß zu spendieren. Auf dem Lande wurden dem Vernehmen nach auch gern Naturalien auf den Gabentisch gelegt. Ein Paket Eier. Ein Korb Erdbeeren. Ein Gläschen selbstgemachte Leberwurst.

Als Gegenleistung für die erwiesene Aufmerksamkeit durften die Schüler mit lockerem Unterricht rechnen. Klassenarbeiten oder Leistungskontrollen blieben ihnen erspart an diesem Tag, der mit der DDR untergangen ist. Zwar hat die Unesco 1994 den 5. Oktober zum Welttag des Lehrers gekürt, um "auf die verantwortungsvolle Aufgabe von Lehrern aufmerksam zu machen und das Ansehen der Lehrer weltweit zu steigern". Zu spüren ist davon hierzulande allerdings nichts, was mit einem 12. Juni von einst zu vergleichen wäre.

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