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16. Dezember 2017 | 00:40 Uhr

Ein Tag für die Geschichtsstunde

vom

svz.de von
erstellt am 02.Okt.2012 | 11:32 Uhr

„Ich weiß, dass der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober stattfindet – denn dann haben wir keine Schule.“ So sieht Melanie Arnold (16) den morgigen Feiertag. Die Gymnasiastin aus Laage in Mecklenburg-Vorpommern ist sich aber auch bewusst, „dass es sich um einen geschichtsträchtigen Tag handelt, ohne den heute einiges anders wäre.“ Die 16-Jährige will nach dem Abitur „in einer Stadt im Westen“ studieren und weiß, dass dies früher nicht möglich gewesen ist.

Freies Reisen, schulfrei, Beginn der Herbstferien – Schüler in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verbinden mit dem Tag der Einheit heute eher praktische Dinge. Und: Der Fall der Mauer wird eher in der Schule diskutiert. Für Moritz Voß aus Steinhagen kann die Gesellschaft froh sein, dass es keinen Bruch mehr durch das Land gibt. Aber: „In meiner Familie wird der Tag nicht thematisiert, denn wir leben ja schon seit 22 Jahren in einem vereinten Deutschland.“ Ähnlich sieht das Dimitria Freitas aus Itzehoe: „Ich denke, der Tag findet eigentlich mehr im Geschichtsunterricht als im Alltag statt.“
Für den Leiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn, Sascha Möbius sind dies keine Einzelmeinungen. Nach seiner Ansicht werde die deutsche Teilung als überwunden und als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte gesehen, sagte der Historiker gestern in Berlin und mahnte deshalb neue Formen der Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit an. Möbius zufolge ist das Interesse der Jugend an Grenze und DDR-Geschichte eigentlich groß, die Kenntnisse seien jedoch gering. Die Ursachen dafür seien vielfältig. Ein Grund liege an dem geringen Stellenwert, den Geschichtsunterricht in den meisten Bundesländern habe. Dazu komme, so Möbius, dass für die nach 1989 aufgewachsenen Menschen ganz andere Denkweisen über Geschichte und die Bedeutung bestimmter Ereignisse vorherrschten als in der immer noch vom Kalten Krieg geprägten Generation, die heute Geschichte schreibe und diese den Jüngeren vermittle.

Insgesamt spiele Geschichte für Schüler und deren soziales Umfeld eine zu geringe Rolle. So überrascht das Ergebnis einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin nicht wirklich: Die Mehrzahl der Neunt- und Zehntklässler in ganz Deutschland weiß dagegen erschreckend wenig über deutsche Geschichte. Demnach zweifelt fast jeder zweite der 7500 befragten Schüler daran, dass der Nationalsozialismus eine Diktatur war. Jeder Dritte glaubt, die Regierung der DDR sei durch demokratische Wahlen legitimiert gewesen. Viele Jugendliche, so die Studie, sind sich sogar unsicher, wie die beiden Systeme überhaupt einzuordnen sind – oder bewerten sie ausdrücklich nicht als Diktatur. Bereits im Jahr 2007 brachte eine Vorgängerstudie zum DDR-Wissen der deutscher Schüler ähnliche Ergebnisse hervor. Ursache damals: In den westdeutschen Bundesländern interessierte sich kaum jemand für die DDR, in den ostdeutschen Ländern wurde sie beschönigend verklärt.

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