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24. November 2017 | 05:04 Uhr

"Ein Kind braucht beide Eltern gleichermaßen"

vom

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2012 | 05:25 Uhr

Schwerin | "Allen Kindern beide Eltern" lautete das Motto des bundesweiten Vereins "Väteraufbruch für Kinder". Über 3000 Mitglieder - zehn Prozent davon Frauen - engagieren sich in rund 90 regionalen Gruppen. In den neuen Bundesländern gibt es nur wenige Kreisvereine, einer davon existiert in Schwerin. Gerhard Bley, der hier die Vereinsarbeit koordiniert, beantwortete die Fragen von Karin Koslik.

Wie viel Vater braucht ein Kind? Was enthält eine Mutter ihrem Kind vor, wenn sie den Kontakt zum Vater unterbindet?

Bley: Ein Kind braucht beide Eltern gleichermaßen! Vom Vater braucht das Kind aktives Interesse und Anregungen, Zeit, "da zu sein" und materielle Versorgung. Väter sind anders als Mütter, haben andere Interessen und Ideen, spielen anders mit ihrem Kind, haben oft andere Kenntnisse und Fertigkeiten, können ihrem Kind anderes vermitteln, geben anders Geborgenheit. Dadurch können sie das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit und Anregungen sowie nach vielen verschiedenen Erfahrungsmöglichkeiten wesentlich erweitern. Jedes Kind weiß, dass es einen Vater hat, sonst wäre es nicht auf der Welt. Jedes Kind, jeder junge Mensch wird sich bald fragen, wer ist mein Vater, wie ist mein Vater, wo ist mein Vater?

Was entgeht Vätern - die es, wie Sie zugeben müssen, ja auch gibt -, die den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen oder gar nicht erst suchen?

Diese Väter verdrängen oder verleugnen einen wesentlichen Teil von sich selbst. Ihnen entgeht Lebenssinn! Ihnen entgeht sooo viel Lebensfreude.

Wie viel haben Kinder, deren Eltern sich getrennt haben, tatsächlich von ihren Vätern? Welches sind die häufigsten Probleme, die in diesem Zusammenhang an den Väteraufbruch herangetragen werden?

Wie viel Kinder von ihren Vätern haben, hängt ganz wesentlich - neben dem Interesse des Vaters - von der Bereitschaft der Mutter ab, den unmittelbaren Kontakt zwischen Kind und Vater uneingeschränkt zuzulassen. Oft ist es so, dass den Vätern nur ein "Umgang" von 48 Stunden alle zwei Wochen zugestanden wird. Viele Mütter können ihren Streit mit dem Vater - die Paarebene - nicht von dem Verhältnis des Kindes zum Vater - der Elternebene - trennen. Leider werden Kinder oft für einen Streit auf der Paarebene instrumentalisiert, missbraucht, und Väter werden gegenüber dem Kind abgewertet, schlecht gemacht.

Wie kann der Verein in solchen Situationen helfen?

Ein großes Problem von "Trennungsvätern" ist ihre Vereinzelung. Jeder kämpft - und leidet - für sich allein. Ein Verein kann Gesprächspartner vermitteln, Informationen, Ermutigung und Orientierung geben, in die Öffentlichkeit gehen. Mehr zu uns und Kontaktmöglichkeiten finden Interessierte im Internet unter www.vaeter-schwerin.de.

In den letzten Jahren gab es mehrere höchstrichterliche Urteile, die die Position von Vätern gestärkt haben. Haben Sie den Eindruck, dass Gerichte in Sorgerechtsauseinandersetzungen seitdem auch häufiger für die Väter entschieden?

Schwer zu sagen. Aus Einzelfällen weiß ich, dass Gerichte abwarten, wie der Bundesgesetzgeber den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts umsetzt. Genauso wichtig wie eine Änderung der Rechtslage und der Rechtsprechung ist aber eine Änderung in den Köpfen - und Herzen - all derjenigen, die sich beruflich mit Kindschaftsangelegenheiten befassen. Hin zu einer wirklichen Gleichberechtigung von Vätern und Müttern. Väter dürfen nicht mehr vorrangig als finanzielle Versorger gesehen werden, sondern als gleichwertige Elternteile.

Der Bundestag wird im Herbst ein Gesetz zur Neuregelung der elterlichen Sorge verabschieden. Vorgesehen ist unter anderem, dass nichteheliche Väter künftig das Jugendamt bemühen oder einen Antrag an das Familiengericht stellen können, damit sie elterliche Mitverantwortung übernehmen können. Frühestens sechs Wochen nach der Geburt soll über den Antrag entschieden werden. Der Väteraufbruch sagt, dies sei nur eine Minimalreform. Warum?

Weil keine wirkliche Gleichberechtigung von Vätern und Müttern vorgesehen ist. Der Gesetzentwurf beschränkt sich auf die Regelung eines gerichtlichen Verfahrens, ohne für beide Eltern Hilfen vorzusehen, um einen guten Weg zu finden, sich gemeinsam und gleichwertig um ihr Kind zu kümmern. Väter sollen weiterhin ein Gerichtsverfahren durchführen müssen, um gleichberechtigt Vater sein zu können. Allein schon Behauptungen der Mutter, das Sorgerecht sei nicht gut für das Kindeswohl, führen zu erheblichen Verfahrensverzögerungen.

Wie würde aus Ihrer Sicht ein Sorgerecht aussehen, das allen - Kindern, Müttern und Vätern - gerecht wird?

Väter müssen im Familienrecht endlich als gleichwertige Elternteile statt als finanzielle Versorger gesehen werden. Mit der Vaterschaftsanerkennung muss auch das Sorgerecht verbunden werden, es sei denn, es sind objektive, nachgewiesene Gefahren für das Kind zu erwarten. In Mecklenburg-Vorpommern werden über die Hälfte aller Kinder nichtehelich geboren. Das Familienrecht muss dem Rechnung tragen und den nichtehelichen Vater als Chance und nicht als Gefahr für das Kindeswohl ansehen. Vor allem aber müssen Hilfen, z. B. vom Jugendamt oder einer Familienberatung vorgesehen werden, die beide Eltern ermuntern und unterstützen, ihre Streitigkeiten nicht zulasten des Kindes auszutragen und sich gleichberechtigt und gleichwertig um ihr Kind zu kümmern. Viele Probleme von Müttern bei der Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf resultieren aus der Abwesenheit der Väter. Die Anwesenheit von Vätern für ihre Kinder sollte mehr als Lösungsmöglichkeit für das Kindeswohl und für die Entlastung der Mutter gesehen werden.

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