„Ein Gefühl von Wut“

Jean-Claude Mas
Jean-Claude Mas

Prozess um Billig-Brustimplantate: Vier Jahre Haft für PIP-Gründer – doch ins Gefängnis muss er vorerst nicht

svz.de von
11. Dezember 2013, 00:35 Uhr

Der Mann, den Hunderttausende Frauen auf der ganzen Welt hassen wie wohl kaum jemanden anderen, wirkt auch am Tag der Urteilsverkündung entspannt. In ollen weißen Turnschuhen, einer fleckigen schwarzen Cordhose und einem schlabbrigen karierten Sakko schlendert Jean-Claude Mas in den Gerichtssaal von Marseille. Bei mir gibt es nichts zu holen, soll die unausgesprochene Botschaft des Gründers der Skandal-Firma PIP offensichtlich lauten. Seht her, der Betrug mit Brustimplantaten aus Industrie-Silikon hat mich nicht reich gemacht. Gestern wurde Mas vom Strafgericht schuldig gesprochen und zu vier Jahren Haft verurteilt. Ins Gefängnis muss er vorerst aber nicht.

Für die geschädigten Frauen ist der Tag eine bittere Enttäuschung – die Chancen auf Schadenersatz sind gering. Mit den vier Jahren Haft, einem Berufsverbot und 75 000 Geldstrafe fällt die Entscheidung des Gerichts vielen Geschädigten zu niedrig aus - zumal Mas in Berufung gehen will und bis zum rechtskräftigen Urteil frei bleiben dürfte.

„Da ist ein Gefühl von Frust, weil die Strafe nicht hoch genug ist, und da ist ein Gefühl von Wut, weil er noch nicht im Gefängnis schläft“, meint die Französin Alexandra Blachère, eines der vielen Opfer. Wie ihre Leidensgenossinnen Nadine G. und Anne A. hofft die Frau auf weitere Prozesse wegen des Vorwurfs der Körperverletzung. Die drei haben sich die als besonders reißanfällig geltenden PIP-Implante in einer schmerzhaften Operation herausnehmen lassen – so wie Zehntausende Frauen weltweit. Behörden hatten diesen Schritt nach dem Auffliegen eines der größten Skandale der Medizingeschichte im Jahr 2010 in einer beispiellosen Aktion empfohlen. Allein in Deutschland und Frankreich folgten rund 20 000 Frauen diesem Rat.

Im Gegensatz zu vielen Frauen ist der TÜV Rheinland mit dem Urteil zufrieden, gilt es doch als wichtiger Etappensieg im Kampf um den guten Ruf. In einem Zivilverfahren hatte eine Jury aus Laienrichtern den deutschen Prüfdienstleister jüngst in erster Instanz für schuldig befunden, seine „Pflicht zur Kontrolle und Wachsamkeit“ verletzt zu haben. Mehr als 1600 an dem Prozess beteiligte Frauen und sechs Händler können in einem ersten Schritt je 3000 Euro Schadenersatz plus Gerichtskosten beantragen – insgesamt rund 5,6 Millionen Euro.


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