Splitter : Ehemalige Grenzkontrollstelle für Güterzüge in Kuhlenfeld ist längst verwaist

Die ehemalige Wagengrenzstelle ist heute als ein „lost place“ beliebt bei Fotografen.
Foto:
Die ehemalige Wagengrenzstelle ist heute als ein „lost place“ beliebt bei Fotografen.

svz.de von
27. Juni 2016, 10:34 Uhr

Kuhlenfeld liegt an der Bahnstrecke Hamburg-Berlin, ca. 15 Kilometer vom ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergang in Schwanheide entfernt. In Schwanheide wurden zu DDR-Zeiten die Personenzüge vor der Überfahrt in die BRD kontrolliert. Um dort auch den Güterverkehr zu überwachen, reichte die Kapazität nicht aus. Also suchte man nach einem etwas weiter von der Grenze weg gelegenem Bahnhof (womit Boizenburg ausschied) und baute den seit 1906 bestehenden Haltepunkt in Kuhlenfeld aus. Abseits vom Dorf entstanden Verwaltungs- und Abfertigungsgebäude, Einrichtungen für den Grenztierarzt, für die Pflanzenschutz-Experten, Laborräume für die Deutrans (die international agierende Spedition der DDR), Arbeitsräume für die Bahn und für den Zoll. Jeder Güterzug musste in Kuhlenfeld halten und wurde aufs schärfste nach Republikflüchtlingen untersucht. Die Zwinger der Suchhunde stehen heute noch.

Zur Vermeidung einer weiteren Kontrolle in Schwanheide sollten in Richtung Grenze abfahrende Züge in Boizenburg durchfahren können und sicher gestellt sein, dass sie in Schwanheide aufgenommen werden können. Kam dann doch einmal ein Zug wegen einer technischen Störung in Boizenburg zum Halten , wurde der gesamte Zug in Schwanheide nochmals gründlich kontrolliert. Das führte jeweils zu erheblichen Verspätungen.

Der Kuhlenfelder Chronist Heinz Schmahl beschreibt den Vorgang solch einer Kontrolle wie folgt: „Wenn der Zug auf eines der Gleise eingefahren war und anhielt, wurde als erstes die Lok abgekoppelt. Eisenbahner mit Brechstangen machten sich auf den Weg, die sogenannten „Zollvorführer“. Nach dem Entfernen der Plomben öffneten sie die Schiebetüren der Waggons.

Darauf schickte der Zollbeamte den Hund in den Waggon, um nach blinden Passagieren zu schnüffeln ... Auf die mit Kohle beladenen Waggons kletterten Zöllner mit langen spitzen Eisenstangen und stachen damit von oben in die Kohleladung. Man vermutete, dass sich unter der Ladung Verstecke von Flüchtlingen befinden könnten…”

Einwohner Kuhlenfelds erinnern sich noch daran, dass alles an dem Grenzpunkt mit Maschendrahtzäunen abgesperrt war und man Teile des Passagier-Bahnsteiges nicht betreten durfte.

Stolperdrähte waren neben dem Gleis angebracht worden, damit niemand auf einen fahrenden Zug aufspringen konnte. Auf einer Brücke quer über die Gleisanlage kontrollierten Soldaten die Züge von oben. Acht riesige Scheinwerfermasten ließen Kuhlenfeld nachts so hell werden, wie ein Fußballstadion. Bei fast jedem Gewitter schlug dort der Blitz ein.

Norbert Weise, der 1982 für einige Monate Fahrdienstleiter in Schwanheide war, erinnert sich an folgende Geschichte:

Gegen 22.30 Uhr wurde ihm ein Güterzug mit Vorspannlok von Boizenburg voraus gemeldet. Vorspannloks dienten entweder als zusätzliche Verstärkung der Zuglok oder zur Begleitung, um Leerfahrten zu vermeiden. Die Frage war nun, was mit der Vorspannlok geschehen sollte - in Schwanheide abhängen oder weiter nach Büchen über die Grenze schicken. Weise telefonierte mit dem Bahnhof Kuhlenfeld (wo der Güterzug schon kontrolliert worden war), mit der Lokleitung Hagenow Land und dem Lokdispatcher des Reichsbahnamtes Wittenberge. Niemand konnte ihm sagen, wofür die Lok vorgesehen war. Also meldete er sie als Vorspann bis Büchen beim Grenzkommandanten an. Der Zug wurde frei gegeben, Weise stellte die Weichen und das Ausfahrtsignal auf F wie Fahrt. Aber der Zug fuhr nicht los. Ein junger Lokführer rannte auf dem Bahnsteig zu Weise und rief: „Ich darf gar nicht nach Büchen, ich soll in Schwanheide abhängen. Außerdem habe ich auch keinen Reisepaß." Trotz schärfster Kontrolle hätte der junge Mann in den Westen abdampfen können.

Solchen Patzern bei der Kontrolle folgten schwere Disziplinarverfahren für die Kontrolleure in Kuhlenfeld.





zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen