Eheberater: Rekord bei Singles bedeutet nicht Bindungsunfähigkeit

svz.de von
12. Juli 2012, 09:52 Uhr

Die Rekordzahl an Singles in Deutschland hat nach Einschätzung des Vorsitzenden der Katholischen Bundeskonferenz für Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Hannspeter Schmidt, nicht in erster Linie mit einer wachsenden Bindungsunfähigkeit zu tun. Hinter der Statistik verberge sich vor allem die Tatsache, dass "die Deutschen feste Beziehungen erst zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens eingehen als früher", sagte der Eheberater gestern in Köln. Junge Leute lebten länger in den eigenen Herkunftsfamilien, hätten eine längere Ausbildungsphase und wohnten dann vielleicht auch noch länger allein. "Es verschiebt sich also vor allem die Zeitskala." Schmidt wies zugleich darauf hin, dass viele Singles immer wieder auch in zeitlich begrenzten Partnerschaften lebten. Insofern zeige die Statistik ein verzerrtes Bild. Nach Einschätzung des Beraters gibt es heutzutage eine größere Skepsis gegenüber der Haltbarkeit von Bindungen: "Jeder erlebt ja, dass Ehen um ihn herum scheitern. Und viele merken auch, dass von ihnen im Beruf ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität erwartet wird. Das lässt sicher manche zögern, eine Ehe einzugehen." Die überwiegende Zahl der Alleinlebenden sehne sich aber nach einer festen Beziehung. Dabei gebe es allerdings einen wachsenden Trend zu einer Partnerschaft ohne Trauschein.

Mit Blick auf die leicht wachsende Zahl an Ehescheidungen in Deutschland sprach der Beratungsexperte von einer erstaunlichen Stabilität über die vergangenen Jahre hinweg. "Die Ehe genießt also durchaus weiter eine hohe Wertschätzung: Das Ideal einer lebenslangen Bindung ist bei den meisten Paaren sehr lebendig", sagte Schmidt. Das zeige auch die längere durchschnittliche Dauer der später geschiedenen Ehen. Zugleich sprach der Eheberater von einer "zu geringen Frustrationstoleranz" vieler Paare. Ihnen fehlten vielfach die Werkzeuge, um eine Bindung zu stabilisieren und Konflikte zu lösen. "In früheren Zeiten wurden viele Ehen durch den äußeren, gesellschaftlichen Druck zusammengehalten. Diesen Druck gibt es kaum noch", so Schmidt. "In dieser Situation müssten Paare eigentlich mehr innere Kräfte entwickeln, um einer Beziehung Stabilität zu verleihen." Schon in den Herkunftsfamilien gebe es vielfach zu wenige Vorbilder dafür, wie man Konflikte gut löst und mit Emotionen umgeht. Auch vermittelten Medien ein hohes Ideal von Beziehungen, das viele Paare unter Druck setzt. "Wichtig wäre es, auch das Normale und Alltägliche in einer Beziehung schätzen zu lernen."

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