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19. November 2017 | 06:06 Uhr

Du sollst dich erinnern

vom

svz.de von
erstellt am 14.Nov.2011 | 08:50 Uhr

Auszüge aus der Rede von Freya Klier, Dokumentarfilmerin und Autorin , heute im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, bei der Präsentation des Internet-Portals "Orte der Repression" .

Nicht lange, nachdem die Willkürherrschaft der DDR-Sozialisten zu Ende war, setzte ich für mich ein 11. Gebot: "Du sollst Dich erinnern!" Denn ich sah, wie rasch 40 Jahre Leben in der DDR aus den Köpfen verschwand, wie unsere Geschichte - die nicht zuletzt eine Geschichte der Repression war - von jenen zurecht gelogen wurde, die sie mitzuverantworten hatten. Ich beobachtete, wie der neue Alltag in der Demokratie mit seinen jeweils aktuellen Anforderungen auch persönliche Erinnerungen der Menschen zu überlagern begann. Nicht aber die der politischen Opfer und ihrer Angehörigen. Ich beschloss, gegen das Vergessen zu arbeiten.

Und so schilderte ich in einem meiner ersten Dokumentarfilme das Leben meiner alten jüdischen Freundin Johanna Krause, die gleich dreimal in der Dresdner Untersuchungshaftanstalt Schießgasse einsitzen musste: In den 30-er Jahren wegen "Führerbeleidigung" und "Rassenschande" und später, in der zweiten deutschen Diktatur , noch einmal wegen "Staatsverleumdung". Der Grund für ihre Verhaftung in den 50-er Jahren: Johanna Krause sah den SS-Mann, der sie 1935 vergewaltigt und in die Elbe gestoßen hatte, plötzlich als SED-Parteisekretär vor sich sitzen. Und rief verzweifelt ihren Mitgenossen zu: "Der Mann ist ein Faschist gewesen!" Womit sie richtig lag. Zwischen ihren Gefängnisaufenthalten hatte die Dresdnerin Johanna Krause mit Mühe das KZ Ravensbrück überlebt, übernahm sie nach ihrer Befreiung mit ihrem Mann Max Krause ein Lokal. Beide traten 1946 optimistisch in die SED ein, weil sie deren Antisemitismus noch nicht spürten, weil sie sich nach dem in der Nazi-Zeit Erlittenen an die Hoffnung klammerten, es werde ein antifaschistischer Staat entstehen. Das war ein Irrtum.(...)

Was für dramatische Schicksale bergen die Mauern einer vierzigjährigen staatlichen Repression. Die Erinnerung sollte tief in jene Zeit zurück reichen, aus der heute nur noch wenige Menschen aus eigenem Erleben berichten können.

So sei hier noch einmal eines anderen Sozialismus-Gläubigen gedacht, dem ich ebenfalls einen Dokumentarfilm widmete: Robert Bialek, der nach schwerer Gestapo-Haft endlich eine menschenwürdige Gesellschaft aufbauen wollte. Und der genau deshalb vom DDR-Geheimdienst verfolgt wurde, schließlich nach West-Berlin floh, um von außen die inzwischen verbotenen Sozialdemokraten zu unterstützen. In West-Berlin wurde er 1956 gekidnappt und zurück in den Osten verschleppt. Dort verliert sich seine Spur. (...)

Hunderttausende politischer Gefangener wurden im Lauf von vier Jahrzehnten aus Gefängnissen und Zuchthäusern entlassen - ihre physischen und seelischen Schäden lasten auf den meisten noch heute.

Unmittelbar nach dem Mauerbau nahm die Brutalität der sozialistischen Herrscher, die sich auf der historischen Siegerstraße wähnten, noch einmal drastisch zu. (...)

So hielt der Justizterror auch im 2. Jahrzehnt der DDR-Diktatur an. Doch es kamen neue Paragrafen hinzu und ein besonderes Jugendstrafgesetz. Es ist das Jahrzehnt, in dem mein damals 17-jähriger Bruder und seine Freunde sich weigerten, einem Dresdner Polizisten ihre verbotenen Stones- und Beatles-Texte rauszurücken. In dem ein Überfall-Kommando der Polizei anrückte und die Jugendlichen erstmal zusammenschlug. In dem die "kriminelle Jugendbande", wie die rebellischen Jugendlichen plötzlich hießen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu drastischen Haftstrafen verurteilt wurden: Für Aufruhr, Bandenbildung, Staatsverleumdung und Widerstand gegen die Staatsgewalt!" - kamen im DDR-Staat etliche Jahre zusammen. Mein Bruder verschwand für vier Jahre im Zuchthaus Bützow in Mecklenburg. (...)

Die Schicksale unserer Mitmenschen dürfen uns niemals gleichgültig werden.

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