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17. Oktober 2017 | 13:37 Uhr

Du hast doch ’ne Macke!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ist das jetzt normal? Blog über Spleens und Alltagsmacken löst Internet-Hype aus

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2014 | 00:33 Uhr

Der eine kontrolliert x-mal, ob der Herd auch wirklich aus ist. Der andere kann nicht auf der Fensterseite einschlafen – und nimmt im Supermarkt nur die Lebensmittel aus der hintersten Reihe. Wer geglaubt hat, dass er mit solchen Marotten allein ist, wird nun eines Besseren belehrt: Ein Blog sammelt jetzt skurrile Angewohnheiten – und löste in kürzester Zeit einen regelrechten Hype im Internet aus.

„Ich glaube, dass es therapeutisch ist“, sagt Christian Brandes, der das Blog namens „Spleen24“ mit Freunden ins Leben gerufen hat. „Man kriegt dann ein Gefühl dafür, dass man normal ist.“ Obwohl „Spleen24“ erst vor einigen Tagen auf der Blogging-Plattform Tumbr gestartet ist, haben Leser dort schon mehr als tausend Ticks preisgegeben. Einer verrät zum Beispiel: „Manchmal bekommen meine Füße unerträgliche Platzangst. Die Socken über die Fersen zu ziehen sorgt dann wieder für gefühlt mehr Freiraum.“ Mit Besonderheiten, die den eigenen Körper betreffen, ist er nicht allein: „Wenn ich mir ein Wattestäbchen ins Ohr stecke, muss ich immer husten. Das ist aber nur beim rechten Ohr so. Beim linken Ohr ist alles normal“, tut ein anderer kund. Die Beiträge sind anonym, so dass sich damit niemand der Öffentlichkeit offenbaren muss.

Warum so viele Menschen freiwillig ihre seltsamen Angewohnheiten rausposaunen? „Es ist ein gutes Gefühl zu sehen: Das geht anderen auch so“, sagt die Stuttgarter Psychologin Marion Sonnenmoser, die ein Buch über solche kleinen Macken geschrieben hat. „Die Seite trägt zur Enttabuisierung bei“, glaubt sie. „Und sie zeigt, dass kleine Macken auch etwas Menschliches sind.“ Dass die Seite so beliebt ist, liege aber wohl auch an einer „Mischung aus Neugier und Voyeurismus“.

Bloßstellen wollen die Macher von „Spleen24“ aber niemanden, wie Brandes betont. Sämtliche Beiträge werden vorher gegengelesen. Beim Lesen der verschiedenen Eigenarten hat der 32-Jährige auch einige Parallelen zu seinen eigenen Macken ausgemacht: „Ganz viele haben einen Tick mit Zahlen – vor allem mit ungeraden“, erzählt er. „Viele stellen ihr Radio zum Beispiel nur auf gerade Frequenzen.“ Besonders skurril: Manche Menschen seien „empathisch gegenüber Objekten“. Brandes: „Es gibt Leute, die können ihr Brot nicht halbieren, weil es ihnen leidtut.“

Aber was ist nun liebenswerte Eigenart und was ernsthaftes Problem? Psychologin Sonnenmoser kennt eine einfache Faustregel für den Unterschied. „Der wesentliche Unterschied ist die Beeinträchtigung“, sagt sie. „Zwangsgestörte haben einen hohen Leidensdruck und können ihr Leben nicht mehr normal leben. Wer durch seine Eigenarten aber nicht im Alltag beeinträchtigt werde, müsse sich keine Sorgen machen.

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