Drama abseits der Bühne

Rettungskräfte kümmern sich um eine verletzte Frau. Fotos: ARRIZABALAGA
1 von 2
Rettungskräfte kümmern sich um eine verletzte Frau. Fotos: ARRIZABALAGA

Zuerst denken die Besucher des Londoner Apollo-Theaters, der Krach gehört zur Aufführung – Dann fallen Zementteile von der Decke

svz.de von
21. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Mit Kopfbandagen und in Rettungsdecken gehüllt, verlassen viele Besucher das Londoner Apollo-Theater. Ihre Gesichter sind weiß, von Kalkstaub bedeckt. Sie haben offenbar den Schock ihres Lebens hinter sich. Bei ihrem vorweihnachtlichen Theaterbesuch nicht weit vom Piccadilly Circus entfernt stürzte am späten Donnerstagabend ein Teil der Stuckdecke ein. Viele der 720 Besucher, darunter zahlreiche Kinder und Senioren, gingen zunächst davon aus, der Krach sei Teil des Bühnenspektakels. „Bis ich Schreie hörte“, sagte ein Besucher. „Tonnen von Zement“ seien von der Decke gefallen.

Das Theaterstück „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ („Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“), das auf dem Buch von Mark Haddon basiert, spielt seit Jahren vor ausverkauftem Haus. Erzählt wird die Geschichte eines von Autismus geplagten Teenagers. Die Londoner Inszenierung auf einer rotierenden Bühne ist reich an Spezialeffekten mit Pyrotechnik. Als die Gipsbrocken und Holzteile kurz vor der Pause von der Decke des vierstöckigen Theaters fielen, habe es gerade eine „besonders dramatische Szene“ gegeben, berichtete ein Geretteter. Die Schauspieler richteten entsetzt ihren Blick nach oben. Dann sei das Licht ausgegangen – Chaos und Verwirrung setzten ein.

Die Rettungsdienste, von denen viele Stunden zuvor an einer Routineübung zur Bekämpfung von Notfällen im Stadtgebiet London teilgenommen hatten, waren innerhalb von Minuten am Theater. Londoner Busfahrer fuhren Verletzte ins Krankenhaus. Benachbarte Theater nahmen einige der knapp 80 Verletzten auf.

Die Straßen von Soho, auf denen sich gewöhnlich Tausende Touristen tummeln, wurden weitläufig abgesperrt. Straßencafés boten den Verletzten Platz und Wasser. Die Rettung verlief generalstabsmäßig – auch eine Folge der Lehren aus dem Terroranschlag auf U-Bahn und einen Bus in London im Sommer 2005.

Es ging dieses Mal vergleichsweise glimpflich aus und blieb bei Kopfverletzungen, Schnitt- und Schürfwunden, hätte aber auch viel schlimmer kommen können.

Bürgermeister Boris Johnson lobte den „unglaublichen Einsatz“ der Rettungskräfte unter schwierigsten Umständen. Autor Haddon schrieb auf Twitter: „Es war furchtbar, mitanzusehen, was im Apollo geschehen ist. Ich bin so erleichtert, dass niemand getötet wurde. Es tut mir leid, dass so viele Menschen eine so schreckliche Erfahrung machen mussten.“

Wenn sich Spekulationen erhärten sollten, dass möglicherweise Regenwasser durch das Dach ins Innere des Theaters triefte und die Tragödie auslöste, wäre das Image der florierenden Londoner Vergnügungsmeile – und das Geschäft – geschädigt. „Unsere Experten haben festgestellt, dass die Deckenstruktur stabil ist, und dass nur Gipsputz herunterfiel“, versicherte gestern Nicola Aiken vom Stadtrat von Westminster der BBC. Der „Daily Telegraph“ warnte dagegen: „Unsere älteren Theater brauchen eine riesige Renovierungsspritze, wenn sie überleben wollen.“


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen