zur Navigation springen
Neue Artikel

13. Dezember 2017 | 10:25 Uhr

Doreen kommt aus dem Osten

vom

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2012 | 10:31 Uhr

Schwerin | Der eine hat zehn Worte, der andere muss sich mit drei Buchstaben bescheiden. Zwischen Alf und Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg liegen Welten, allein dem Namen nach. Das Thema verführt, Schubladen zu öffnen: Doreen? Aus dem Osten. Kaspar? Westen. Patrizia? Aus gutem Hause. David? Gläubig. Jussuf? Andersgläubig. Alexander? Klug. Chantale? Weniger klug. Kevin? Noch weniger. Eike? Mann… oder Frau. Mia? Baby. Ilse? Oma.

Ein Name ist so viel mehr als ein Name. Er kann Lust und Last sein, Etikett und Visitenkarte, Schmeichelei und Programm. Er ist Lebenspartner und Signal an die Außenwelt. Für Knud Bielefeld, Jahrgang 1967, Wirtschaftsinformatiker aus dem schleswig-holsteinischen Ahrensburg, sind Namen überdies Leidenschaft und Forschungsfeld. Seit mehr als zehn Jahren sammelt und bewertet er alles über Vornamen, seit 2003 öffentlich auf einer Internetseite. "Mich interessieren alle Aspekte, Geschichte, Soziologie, Statistik, Psychologie", sagt er.

Für weit mehr als 200 Namen hat Knud Bielefeld ermittelt, wann sie wie oft vorkamen: Thomas etwa - ein biblischer Vorname, der Zwilling bedeutet - gehörte zwischen 1954 und 1971 in ganz Deutschland zu den häufigsten Vornamen, von 1956 bis 1966 lag er regelmäßig auf Rang 1. Seinem eigenen, nordischen Namen - Knud - kann der Namensforscher bescheinigen, nie ein Hit gewesen zu sein. Von 1930 bis 1980 schafften es Knuds und Knuts immer mal wieder unter die Top 100 in Deutschland, allerdings nie auf einen Platz über 75. Im Mittelalter trug manch ein dänischer König den Namen, in der Neuzeit immerhin ein Eisbär aus Berlin. "Das hat schon sehr geholfen", sagt Knuts Namensvetter Knud. Die Namensbedeutung gilt als ungeklärt. Übersetzungen wie Knoten, Holzscheit, Knute, Sohn, Nachkomme oder die Eigenschaftsworte waghalsig, vermessen, keck sind denkbar.

Für alle Geburtsjahrgänge ab 1890 hat Knud Bielefeld die beliebtesten Mädchen- und Jungennamen erkundet: Seinerzeit waren Anna, Martha und Frieda in Mode, sowie Karl, Wilhelm und Otto. Anno 2011 kamen in Deutschland Mia, Emma und Hanna(h) sowie Ben, Leon und Lukas bundesweit auf die besten Plätze. Knud Bielefeld hat dafür gut 160 000 Geburtsanzeigen von Kliniken und Geburtshäusern ausgewertet. "Das entspricht etwa einem Viertel aller in Deutschland geborenen Kinder", erklärt er. In Mecklenburg-Vorpommern haben seine Helfer und Helferinnen Babynamen aus neun Städten erfasst. Die meisten Eltern 2011 entschieden sich für Mia, Emma und Lilly, Ben, Finn und Paul. In Brandenburg gingen Geburtsanzeigen aus 14 Städten in die Bewertung ein: Mia, Lilly, Emma, Ben, Paul und Leon schnitten am besten ab.

Als beliebtesten Anfangsbuchstabe aller Vornamen 2011 hat sich erneut das L erwiesen: 14,3 Prozent der Jungen und 19 Prozent der Mädchen tragen einen Vornamen mit L. Vor Jahrzehnten waren Namen meist länger und hatten häufiger mehrere aufeinander folgende Konsonanten wie in Reinhard, Hartmut, Dietrich oder Hildegard, so hat Knud Bielefeld beobachtet. Derzeit stellt er einen Trend zum Kunstnamen fest: An drina als Symbiose von Andrea und Tina oder Julisa für Julia plus Lisa.

Ihren Sohn haben Knud Bielefeld und seine Frau vor fünf Jahren Erik genannt. "Das klingt gut und passt als kurzer Vorname zu unserem längerem Nachnachen", begründet der Vater. Zudem hält er es für wichtig, dass sich ein Vorname ohne Fremdsprachenkenntnisse aussprechen und mit den bekannten Buchstaben des Alphabets, also ohne Sonderzeichen schreiben lässt. In Deutschland steht Erik auf Platz 25 der 500 gebräuchlichsten Vornamen. "Bei Platz 60 lässt sich die Grenze zwischen bekannten und ungewöhnlichen Vornamen ziehen", sagt er. "Anders ausgedrückt: Die Hälfte aller Kinder trägt einen Namen aus den ersten 60 Nennungen."

Beim Thema Namen und Vorurteile rät Knud Bielefeld, stets genauer hinzuschauen. Für Doreen gilt zwar tatsächlich, dass der Name im Osten achtmal häufiger auftaucht als im Westen, wie Statistiker bei Zählungen in Telefonbüchern festgestellt haben. Demnach kommt auf 21 West-Kaspar einer im Osten. Bei Kevin jedoch, dem beliebtesten Jungennamen in Deutschland 1991, ist Vorsicht geboten. Eine Umfrage unter Grundschullehrerinnen zu Erwartungen an ihre Schüler hatte vor Kurzem die Schlagzeile ergeben: "Kevin ist kein Name sondern eine Diagnose." Ein Etikett, das zu Unrecht vergeben wurde, urteilt Knud Bielefeld. "Ich kenne keinen ungebildeten, verhaltensauffälligen Kevin", sagt er. Auch der Blick auf Abiturjahrgänge könne die Sichtweise korrigieren. Den Grund für die Assoziation "Kevinismus heißt Dusseligkeit" sieht der Namensforscher in Schwächen der Studie. "Die Datenlage war dünn, es wurden gerade mal 200 Grundschullehrerinnen, meist Berufseinsteigerinnen, im Raum Osnabrück befragt." Auf seiner Internetseite hat Knud Bielefeld dazu einen Kommentar verfasst und darüber hinaus noch viel mehr Erstaunliches über das schier unerschöpfliche Thema Namen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen