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24. November 2017 | 06:56 Uhr

Dokumentation eines Massenmordes

vom

svz.de von
erstellt am 22.Feb.2012 | 10:20 Uhr

Juba | Jonglei State, 23.01.2012: Die angenehme Frische des Morgens in Südsudans Hauptstadt Juba ist vorbei. Klaus-Dieter Tietz sieht durch das Fenster des russischen MI-8. Unermüdlich scheppert seit zwei Stunden der mächtige Rotor des betagten UN-Helikopters über ihm. Keine 100 Meter unter ihm tauchen nach zwei Flugstunden Richtung Nordost mehr und mehr kreisrunde, graue Flächen auf: Tatorte äußerster Gewalt. Kontrastreich heben sie sich vom braun-gelben Gestrüpp der ariden Savanne ab. Die verbrannten Tukuls - traditionelle Hütten der hier lebenden Murle - sind stumme Zeugen eines kaum fassbaren Furors, der am Morgen des 27.12.2011 in Jonglei State hunderte, gar tausende Menschenleben forderte.

Viele Ursachen der aktuellen Auseinandersetzung zwischen den Murle und Lou Nuer reichen weit zurück bis in die Tage der britischen Kolonialvergangenheit des Sudan. Doch seit der Unabhängigkeit der neuen Republik Südsudan vom arabisch-muslimischen Norden im Juli 2011 flammen alte Feindschaften im multiethnischen Südsudan wieder auf. Der lange Befreiungskampf der Südsudanesen gegen das Regime in Khartoum hatte diesen und andere Konflikte überlagert.

Fakten sammeln im Auftrag der UN

Klaus-Dieter Tietz ist stellvertretender Chef der UNMISS-Polizei im Südsudan. Mit den Kripokommissaren Olaf Kopischke aus Schwerin und Thorsten van Honk soll er herausfinden, was sich Ende Dezember zugetragen hat: Fakten sammeln und dokumentieren, unbeirrt von den Verlautbarungen und Opferzahlen der ein oder anderen Seite. "Wir wollen wissen, welche Tötungsdelikte es bei der Attacke der Lou-Nuer auf die Murle gegeben hat", so Tietz. "Diese Morde sollen dokumentiert und quantifiziert werden. So gut es unser UN-Mandat zuläßt, werden wir genau das tun. Und anschließend unseren Bericht nach New York schicken."

Klaus-Dieter Tietz weiß wohl, dass für diesen Auftrag eigentlich weder Material noch Personal ausreichen, denn mehr als 3000 Opfer sollen es gewesen sein.

Der Himmel über Fertait, etwa 20 Kilometer südlich der Provinzkapitale Pibor, ist an diesem Morgen so grau, wie die Aschehaufen der verkohlten Tukuls; die flirrend heiße Luft voller Staub. Mit fast aufreizend langsamem Flügelschlag kreisen ein paar Geier über Büschen und vereinzelten Bäumen. Sie haben keine Eile.

Jonglei, der größte der zehn Staaten Südsudans, bedeckt allein die Fläche Niedersachsens und Bayerns zusammengenommen und grenzt im Osten an Äthiopien. Straßen gibt es hier kaum, dafür aber das größte Sumpfgebiet der Welt. Während der Trockenzeit werden ein paar Pfade zu begehbaren, staubigen Pisten. Jetzt ist die Saison, in der sich Attacke und Vergeltung abwechseln.

"Bei dem Angriff vom 27. Dezember machten sich 6000 Lou Nuer zu Fuß auf den Weg, viele von ihnen schwer bewaffnet. Unterwegs nach Pibor kamen weitere 2000 hinzu. Sie marschierten auf einer Breite von 700 Metern und mehr", beschreibt Olaf Kopischke, Hauptkommissar der Kripo Schwerin das Szenario. "Dieser 15 Kilometer lange Zug fanatisierter Kämpfer hat alles ausgelöscht, was sich ihm in den Weg stellte oder nicht schnell genug fliehen konnte".

An diesem Tag brennen die Lou Nuer die Dörfer und Siedlungen der Murle nieder, erschlagen oder erschießen Männer und Frauen, alte wie junge. Manche der Opfer werden zuvor gar gequält und verstümmelt. Sie entführen Kinder, treiben 80 000 Stück Vieh mit sich fort.

Mitte Januar werden die Lou Nuer dieses Ereignis öffentlich als "erfolgreiche Operation" bezeichnen: man habe entführte Kinder und Frauen aus der Hand der Murle befreit, gestohlenes Vieh zurückgetrieben und sich für das Massaker in Pieri gerächt. Im Sommer 2011 hatten die Murle ihrerseits die Lou Nuer überfallen.

Das traurige Fazit: 700 Tote, 900 Verletzte, hunderte Frauen und Kinder entführt sowie mehrere 10 000 Rinder gestohlen. Die Welt nahm von diesem Massenmord am 28. August so gut wie keine Notiz.

Als die drei Ermittler mit südsudanesischen und einem sambischen UN-Kollegen aus dem Hubschrauber steigen, läuft die Zeit. Maximal zweieinhalb Stunden darf ihr Einsatz am Boden dauern. Länger kann die UN die Sicherheit der Polizisten nicht gewährleisten. Jede ihrer Bewegungen vor dem Hubschrauber wird nun von gut 20 Augenpaaren der Einheimischen verfolgt. "Wir sind gewarnt worden, dass die Lou Nuer auf dem Weg sind, um uns anzugreifen", sagt ein junger Murle, der mit ein paar Männern und zwei Frauen vor den letzten intakten Tukuls steht. Sein linker Arm, von der Schulter abwärts mit reichlich Schmucknarben dekoriert, weist in Richtung Busch. Dorthin sollen viele von ihnen zu fliehen versucht haben. Sie selbst seien inzwischen zurückgekehrt, andere noch immer dort, irgendwo auf der Flucht oder lägen tot im Busch.

Wie zur Bekräftigung seiner Antwort spuckt der Murle gekonnt durch eine klaffende Zahnlücke ins welke Gras. Zwei der unteren Schneidezähne werden den Murle-Jungen entfernt. Eine traditionelle Schönheitsoperation und nur ein Teil auf dem langen Weg vom Jungen zum Mann. Nach den Angaben der Anwohner berät sich Tietz kurz mit seinen Kommissaren. Die drei folgen einem hiesigen Führer auf einem schmalen Pfad durch schneidend scharfes Gestrüpp. Dicht hinter ihnen gehen zwei weitere UN-Kollegen und der Polizeichef des Jonglei State.

Leichenfund in Fertait

Die Ermittler notieren die exakten Koordinaten: Fertait heisst nicht nur die Siedlung sondern eine ganze Region. Mit Kameras dokumentieren sie schweigend die Spur der Zerstörung: verbrannte Hütten und Häuser. Sie knien in Aschehaufen, betasten verkohlte Reste von Taschenlampen und anderem Hausrat. Sie untersuchen eine zerstörte Wasserpumpe und einige Tierkadaver. Ab und an zieht einer den anderen leise sprechend zur Beratung hinzu. Plötzlich bleibt die Gruppe an der Gabelung eines Seitenpfads stehen. Bunte Kleidungsreste liegen auf dem Weg verstreut, keine 20 Meter vor ihnen. Etwas abseits unter einem Baum liegt eine spärlich bekleidete Leiche. Thorsten van Honk, Bundespolizist aus München, dreht den Kopf bei Seite: "Der Wind steht ungünstig", murmelt er und hat nur einen Augenblick später Mund und Nase mit einem weißen, dreieckigen Schutztuch völlig abgedeckt.

Zugleich schnurren ein Paar neuer Gummihandschuhe über Olaf Kopischkes schlanke Hände. Feines Talkumpuder rieselt aus ihnen vor ihm zu Boden. "Wir sind weder Rechtsmediziner, noch könnten wir unter diesen Umständen eine richtige Leichenschau durchführen. Aber ansehen werden wir uns das Opfer schon sehr genau."

Die Leiche liegt auf dem Rücken, den Kopf nach hinten überstreckt, die Beine nach außen verdreht. Sie ist nur mit einer schwarzen, kurzen Hose bekleidet. Um den Hals hängt eine bunte Kette, wie sie von den Murle getragen wird. Neben dem Kopf liegt ein etwa 30 Zentimeter langes, handgeschnitztes Brett mit kurzen Holzbeinen: ein traditionelles Sitzmöbel.

Der starke Verwesungsgrad der Leiche läßt nach fast vier Wochen keine eindeutige Aussage zur Todesursache zu. Tierfraß an Füßen und Beinen wird ebenfalls festgestellt. Kopischke begutachtet Kopf und Rumpf, macht Nahaufnahmen von Gesicht und Brust. "Den Zähnen nach zu urteilen, war er über dreißig", raunt er seinen Kollegen zu. Während sie das Opfer mühelos umdrehen, den Rücken untersuchen, fotografiert van Honk weitere Details.

Etwas abseits findet der Polizeichef des Jonglei State die Hülse einer AK 47 Patrone. In Augenhöhe blickt Kopischke einen Moment auf das blanke Messing der Geschossummantelung: "Das ist zwar sehr alte Munition, Ende der ’60er hergestellt, aber die liegt noch nicht lange hier. Es gibt im Südsudan keine Datenbank, um einen Waffenquervergleich durchzuführen. Aber wir fragen Kollegen, ob diese Munition schon von anderen Auseinandersetzungen bekannt ist. Wir nehmen an, dass dieses Opfer hier seine Flucht bereits angetreten hatte und dann abseits der Behausungen erschossen wurde. "

Der lokale Führer beteuert, er wisse, dass südlich von hier noch mehrere Leichen lägen. Wie weit südlich? "Oh Sir, vielleicht zwei Stunden zu Fuß oder vier. So genau läßt sich das nur schwer sagen."

Klaus-Dieter Tietz mahnt zur Eile. Eine weitere Erkundung sei heute nicht mehr möglich. Die russischen Piloten sitzen bereits am offenen Fenster des Cockpits und rauchen. Die deutschen UNMISS-Polizisten werden noch oft hierher zurückkehren müssen, um die wirkliche Anzahl der Opfer genau zu ermitteln. Die Koordinaten und verlässlichere Angaben für den nächsten Einsatzort haben sie inzwischen.

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