Kurzportrait: Wolfgang Schnur : Dissidenten-Anwalt, Stasi-Spitzel und Merkel-Chef

von
20. Januar 2016, 12:11 Uhr

Er galt als brillanter Anwalt, der sich für seine Klienten mit dem DDR-Staat anlegte. Wolfgang Schnur betreute bis zur Wende vor allem DDR-Bürgerrechtler und Dissidenten. Als engagierter Anwalt der Evangelischen Kirche war er für sie absolut vertrauenswürdig. Umso größer waren Schock und Ungläubigkeit, als Schnur im März 1990 als langjähriger Stasi-Spitzel enttarnt wurde.

Der Fall des inzwischen prominenten Wende-Politikers war deshalb um so tiefer. Am 16. Januar starb der nach Medienberichten verarmte und seit langem aus der Öffentlichkeit verschwundene Schnur im Alter von 71 Jahren in Wien an Krebs.

Im Wendeherbst 1989 gründete Schnur zusammen mit den Pfarrern Rainer Eppelmann und Friedrich Schorlemmer die Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“ (DA). Durch ihre enge Zusammenarbeit mit der Bonner CDU vor den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 war für den DA-Vorsitzenden Schnur der Ministerpräsidentenposten in greifbarer Nähe. In jenen turbulenten Monaten machte er auch Angela Merkel bekannt - als seine Pressesprecherin.

Noch nach den ersten Berichten über seine IM-Tätigkeit leugnete Schnur vehement jegliche Spitzeltätigkeit. Erst vier Tage vor den Wahlen trat er unter dem Druck der Bundes-CDU zurück. Später wurde bekannt, dass er bereits 1964 eine Verpflichtungserklärung unterschriebe hatte. 1993 entzog ihm die Berliner Justizverwaltung seine Zulassung als Anwalt. 1996 wurde Schnur vom Berliner Landgericht wegen Verrats von DDR-Bürgerrechtlern an die Stasi zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Danach bestritt er seinen Lebensunterhalt als Berater verschiedener Projekte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen