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19. November 2017 | 15:29 Uhr

Disko im Kreml, Sternradio im Rauch

vom

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erstellt am 03.Apr.2013 | 11:08 Uhr

Als Rolandexpress schrieben sie Disko-Geschichte in Perleberg und als bald auch darüber hinaus: Fredi, alias Fred Thalmann, Hansi, gutbürgerlich Hans Kasimir, Matze, sprich Matthias Röhr, und Mario, Nachname Ziems. Nach der Wende löste sich das Quartett auf - Fred macht seither Disko in München und Österreich, die anderen solo immer noch die eine oder andere Mugge in der Prignitz. Am Karsamstag allerdings standen sie wieder gemeinsam auf der Bühne und ließen den Saal im Perleberger "Abseits" rocken. 30 Jahre Rolandexpress, das wurde gefeiert - standesgemäß, versteht sich.

Für Fredi, den dienstältesten, begann alles vor 40 Jahren. "Da hatte ich die ersten Muggen", schwarz natürlich. Fünf Jahre später stieg Hansi mit ein. Dreimal, dann fünf mal die Woche, und als es sieben mal wurden, die Nachfrage trotzdem bei weitem nicht abgedeckt werden konnte, da wurde ein Kleeblatt aus dem Disko-Team. Fred und Matze legten bei den Jugend-Diskos auf, Hansi und Mario zu Betriebsjubiläen und Familienfeiern. Wobei, so streng getrennt waren die Zuständigkeiten nicht. Nicht selten waren auch Fredi und Matze ein Team bzw. Hansi und Mario, eben wie Bedarf und Zeit da war. "Alles kein Problem, wir hatten die gleiche Anlage und die selbe Philosophie", ergänzt Fredi. Auch was die Musikauswahl betraf, hatten die vier den gleichen Geschmack, der Junge wie Junggebliebene gleichermaßen mit dem ersten Titel die Tanzflächen stürmen ließ. "Da hatte man schnell auch seine Neider", berichtet Hansi. Auch bei der staatlichen Obrigkeit, dem Rat des Kreises, Abteilung Kultur, kam es nicht so gut an, dass die Vier die Sendezeiten von DT 64 und Stimme der DDR kaum kannten, offensichtlich andere Musikquellen hatten. Das ließ man sie spüren, als es um die Einstufung ging. "In Perleberg führte einfach kein Weg rein", so Hansi. Alles andere als auf den Kopf gefallen, machten die Vier kurzerhand so ihre Grundstufe in Osterburg, das heißt im Bezirk Magdeburg. Das ging ja nun gar nicht, befanden die Perleberger, von wegen in der DDR sei alles eins. Also wurde die Einstufung hier nicht anerkannt bzw. ihnen aberkannt. Letztlich schafften die Vier ihre Staatliche Spielerlaubnis für Schallplattenunterhalter doch, - schriftlich vermerkt mit Bindung an den Kreis Perleberg. Fortan standen sie dann ganz offiziell als Rolandexpress auf der Bühne. Pro Kopf und Stunde durften sie fünf Mark der DDR als Gage nehmen plus 15 Mark für die Technik und 25 Mark für die Techniker. Ob das Kulturhaus in der Feldstraße, der Kreml, wie das Haus der DSF im Volksmund hieß, heute das "Effi", im Stadt Berlin oder im Stama (Stadt Magdeburg), wo man nur mit Schlips und Kragen rein kam, überall legten sie auf. "Natürlich auch in Wittenberge im Hammer, im Haus der Eisenbahner oder dem Würfel, "wo sich die trafen, die sich beim Tanzen keine Falte in die Hose machen wollten", ergänzt schmunzelnd Hansi.

Sie waren nicht nur gut, sie waren spitze in ihrem Metier, dafür sprachen super Stimmung und stets volle Tanzflächen, und sie selbst wollten auch mehr - die Mittelstufe.

Drei Diskotheken waren zur Einstufung angetreten, zwei bereits mit Bravour durchgefallen. Dann ließ sekundenlang ein durch Mark und Bein gehendes Rauschen aus dem Äther die Juroren sich die Ohren zuhalten. Es folgte im Originalton aus dem Radio: Hier spricht DT 64, heute Abend hat der Rolandexpress im Kreml von Perleberg seine Einstufung. Dann erklang glasklar, was die DJ auflegten. "Wir hatten unsere Mittelstufe, durften 6,50 Mark pro Stunde nehmen und bezirksweit auftreten. Die Welt stand uns offen", so Fredi mit dem ihm eigenen spitzbübischen Lächeln.

Und sie schafften auch noch die Oberstufe, die höchste Amateureinstufung zu DDR-Zeiten. Natürlich nicht einfach so. "Wir hatten dazu unseren Auftritt im Allerheiligsten von Perleberg, wo eigentlich niemand sonst reinkam, im Kulturhaus der Armee", berichtet Hansi, und alle verbinden damit den Namen von Dieter Triemer, der ihnen das ermöglichte. "Er sorgte auch für die Beleuchtung. Von allen Seiten standen wir im Licht. Und er sorgte für Rauchnebelbomben, so etwas hatte niemand damals", ergänzt Fredi. Als sie ihren ersten Titel vom brennenden Radio auflegten, qualmte es aus einem alten Sternradio und ob mit oder ohne Befehl, die Tanzfläche war sofort brechend voll. "Es war eine richtige Show", gesteht Hansi. Ein Jahr später verteidigten sie ihre Oberstufe, "dazu wurden wir bereits delegiert nach Schwerin zu einem Konzert in der Halle unterm Fernsehturm." Sie müssen lachen, bei diesen Worten.

Das absolute Highlight und auch ihr letzter gemeinsamer Auftritt war die Mega-Party im Hagen zur 750-Jahr-Feier von Perleberg. Wie viele es genau waren, weiß niemand, "aber wohl Tausende tanzten hier", überschlägt Fredi. Die Polizei kam auf die Bühne und bat darum, etwas herunter zu fahren, denn die Leute rissen vor Begeisterung und Ekstase bereits Zäune ein. Im kommenden Jahr steht nun die 775-Jahr-Feier in der Rolandstadt an, "und als Rolandexpress würden wir gern wieder für eine Mega-Geburtstagparty sorgen, kostenlos versteht sich, wenn die Stadt uns dazu einlädt", so das DJ-Quartett. Ihr Angebot steht, ob Perleberg es annimmt, das erfahren Sie, liebe Leser, natürlich im "Prignitzer".

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