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19. November 2017 | 06:18 Uhr

Digitale Beschützer für Bello und Minka

vom

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2013 | 12:02 Uhr

Rostock | Der Prototyp der Geschäftsidee von Heike Andresen hängt am Halsband ihrer Mischlingshündin Moma: Ein runder, schwarzer Anhänger, drei Zentimeter im Durchmesser, zwei Gramm Gewicht. Das Geheimnis der Marke mit dem Namen "widTag": Ein in ein Quadrat gefasstes schwarzweißes Muster auf der Rückseite - ein sogenannter QR-Code. Er macht den Anhänger zu einer hochmodernen Hundemarke - und zu einer mitunter entscheidenden Hilfe im Notfall: "Liest man den QR-Code mit dem Smartphone aus, kommt man auf das Profil des Tieres auf unserem Online-Portal", erklärt Heike Andresen, Geschäftsführerin der BusinessSOS Gmbh, die mit dem Projekt "widPet" das "widTag" auf den Markt gebracht hat.

Auf diesem Profil wiederum können die Tierbesitzer die wichtigsten Daten ihres Vierbeiners - und ihre eigenen Kontaktdaten - hinterlegen. Büchst der Hund aus oder kommt die Katze nicht vom Freigang zurück, kann der Finder über den QR-Code und das Profil des Haustiers direkt Kontakt zu Herrchen oder Frauchen aufnehmen. "Es bietet sich natürlich an, die Telefonnummer zu speichern. Aber auch Futterpläne, Daten zu Krankheiten und zum Wesen des Tiers oder Verhaltensauffälligkeiten können hinterlegt werden", erläutert Andresen. Und: Im Gegensatz zum implantierten Mikrochip für Haustiere kann der QR-Code direkt per Smartphone ausgelesen werden - ohne zuerst mit einem fremden Tier zum Tierarzt, ins Tierheim oder zur Polizei fahren zu müssen. Stattdessen kann der Finder sofort Kontakt aufnehmen und das Tier sogar gleich am Fundort von seinen Besitzern abholen lassen. Vielleicht, so Heike Andresen, führten diese Erleichterungen und zusätzlichen Informationen auch dazu, dass Menschen eher bereit seien, sich um Fundtiere zu kümmern. Und auch für Tierbesitzer sieht die 52-Jährige einen ganz klaren Vorteil: "Für uns steht Datenschutz ganz oben. Man sieht ja oft diese Geschirre, wo Handynummern oder ganze Adressen eingestickt sind oder gravierte Anhänger. Daten, die ich eigentlich nicht jedem zeigen möchte und die auch nicht kurzfristig änderbar sind, wenn ich zum Beispiel in den Urlaub fahre."

Die einzigen Daten, die bei der Registrierung angegeben werden müssten, seien Geschlecht, Alter und Postleitzahl. Alles andere könnten die Nutzer selbst entscheiden - auch wann die Daten ihres Tieres abrufbar sein sollen. Und ob sie das Online-Portal auch zum Austausch mit anderen Tierfreunden nutzen - oder tatsächlich nur im Notfall da rauf zugreifen möchten. "Der Nutzer bestimmt, wann die Daten online gehen dürfen: Ob sie immer abrufbar sind oder erst in einer Notsituation aktiviert werden", erklärt Heike Andresen. Der auf die Marken gedruckte QR-Code sei zudem hoch verschlüsselt. "Er könnte sehr viel simpler sein, wäre dann aber auch nicht so sicher und es könnte schnell jemand auf die Seite gelangen", berichtet Katja Brey, Kaufmännische Leiterin bei BusinessSOS.

Gemeinsam mit Heike Andresen beschäftigt sie sich seit rund eineinhalb Jahren damit, was QR-Codes überhaupt können. Seit diesem Tag, an dem Heike Andresen in einer Zeitschrift an einem QR-Code unter einem Artikel über den Tod von Loriot hängen blieb. "Über den QR-Code war ein Sketch von Loriot verlinkt, den ich gerne sehen wollte. Das war das erste Mal, dass ich mich mit QR-Codes beschäftigt habe. Ich habe mich sehr schnell gefragt, wie man diese Codes tatsächlich individuell nutzbar machen kann", erzählt Andresen. Gemeinsam mit Katja Brey habe sie begonnen zu überlegen, was man mit den digitalen Codes machen kann. Und festgestellt, dass diese Technik unendlich viele Möglichkeiten bietet. "Uns war sehr schnell klar, dass unser Motto lauten soll ,Schützen, was wir lieben", sagt Brey. Die Hundemarken seien der Anfang gewesen, der Prototyp eben, den Hündchen Moma, ohnehin die Inspiration für den Anhänger, am Halsband trägt. Die Grundidee, die sich seit der Markteinführung im September bisher rund 1000 mal verkauft habe.

"Doch wir haben sehr schnell die Gesamtbreite gesehen", sagen die beiden Frauen. Und meinen damit, dass mit dem von ihnen entwickelten digitalen Beschützer noch vieles mehr möglich ist - und das nicht nur am Hunde-oder Katzenhals oder am Halfter des Pferdes. "Wir haben uns zunächst auf die Tiere fokussiert, weil das erst einmal der einfachere Ablauf war. Dadurch haben wir gesehen, dass es eine tolle Sache ist, die sicher funktioniert", so Geschäftsführerin Andresen.

Jetzt soll der nächste Schritt folgen: Voraussichtlich Ende Februar wird das Unternehmen ein Notfall armband mit QR-Code für Menschen auf den Markt bringen. Potenzielle Träger seien vor allem Personen, die Hilfe bräuchten - oder brauchen könnten: Erkrankte, die Kontaktdaten von Angehörigen oder wichtige Werte auf ihrem Notfallprofil speichern; demente alte Menschen, deren Daten hinterlegt sind; Allergiker, die Informationen zu ihren Allergien geben; Sportler, die ihre Gesundheitswerte einprogrammieren; aber auch Kinder, die das Armband mit den Kontaktdaten der Eltern tragen. Auch für Pflegeheime, sagt Heike Andresen, biete sich das Armband an: "Hier könnten durch die Pflegenden bestimmte Dinge hinterlegt werden, selbstverständlich ohne den Patient gläsern zu machen." Auch beim Armband wird es die Möglichkeit geben, Daten selektiv freizuschalten, zum Beispiel in einem Notfall.

Aber auch in der Freizeit könnten die Armbänder genutzt werden. "Das reicht vom lustigen Flirt bis hin zur personifizierten Eintrittskarte zu Konzerten. Die Variabilität der Einsatzmöglichkeiten ist groß", sind Heike Andresen und Mitarbeiterin Katja Brey überzeugt. Ihre innovative Idee kommt an, die Resonanz sei sehr positiv, sagen Andresen und Brey - und sind sich zugleich bewusst, dass es eben diese Innovativität ist, die den Einsatz der individualisierten QR-Codes im Alltag noch schwierig macht. Wie im Fall von Kater Garfield: Er trug einen der neuen Anhänger, als er verschwand. "Es hat eine Woche gedauert, bis die Tochter der Finderin gemerkt hat, dass das ein QR-Code ist. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig", weiß Katja Brey zu berichten. Doch gerade darin liege auch eine besondere He rausforderung: "Es ist sehr spannend, zu erklären, dass QR-Codes eben nicht nur für Massenwerbung genutzt werden können, sondern dass man viel damit machen kann, dass es so etwas bisher noch nicht gibt, dass es aber sicher ist. Je mehr Leute diese Technik nutzen, umso selbstverständlicher wird es", so Brey. Bei den Tiermarken gebe es sowohl in Deutschland als auch im Ausland Mitbewerber, die ein ähnliches Produkt herstellen, "bei den Armbändern sind wir ganz weit vorne. Wir haben nichts Ähnliches gefunden", sagt Heike Andresen.

Den gesamten Prozess - von der Idee bis zum fertigen Produkt - haben sie und ihr Team aus vier Mitarbeitern in den Firmenräumen unweit des Rostocker Hauptbahnhofes realisiert. Im Januar 2012 hätten sie mit der Umsetzung begonnen, im September konnte die Tiermarke auf der Rostocker Rassehundeausstellung vorgestellt werden. "Wir haben eine kleine IT-Abteilung, die sehr gute, sehr anwenderfreundliche Lösungen gefunden hat", sagt Heike Andresen. Sie freue sich, junge, qualifizierte Leute aus der Region in ihrem Unternehmen beschäftigen zu können. "Das sind allesamt kreative Leute, die froh sind, hier bleiben und hier etwas machen zu können. Das ist doch eine Situation, von der alle profitieren", sagt die Geschäftsführerin. Das gesamte Team hätte in den vergangenen Monaten sehr viel Arbeit und Herzblut investiert. "Derzeit können wir vom Verkauf der Marken noch nicht leben. Aber es ist unser Ziel, davon leben zu können. Wir sind überzeugt, dass das eine gute Sache ist, mit der man sehr viel Gutes tun kann", sagt Heike Andresen. Jeder Einzelne sei mit Leidenschaft dabei - auch sie selbst. "Ich habe mich immer schon unglaublich gerne mit Technik beschäftigt und würde mich als sehr versierte Anwenderin bezeichnen. Es macht mir besonderen Spaß, zusätzliche Möglichkeiten zu sehen und ich bin begeistert davon zu gucken, was geht."

Moma jedenfalls, Materialtesterin und Bürohund des Unternehmens, trägt ihren Anhänger seit vergangenem September. "Sie bräuchte ihn eigentlich nicht, denn Moma ist in den neun Jahren, seitdem ich sie habe, noch nie weggelaufen", sagt Heike Andresen und lacht. Und dennoch: "Wenn doch mal was passieren würde fühlt man sich einfach besser."

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